Nasenspray-Sucht

Copyright: Sven Weber - FotoliaEs gibt nicht wenige Menschen, die das Gefühl haben, sie könnten auf Nasenspray nicht mehr verzichten. Sie befürchten, süchtig zu sein nach Nasenspray.

Es stimmt schon: Nach längerer Anwendung stellt sich eine gewisse Abhängigkeit vom Nasenspray ein. Eine „Sucht“ im eigentlichen Sinne ist es aber nicht! Die Anwendung von Nasenspray wird nicht mit einem „euphorischen“ Gefühl (Gefühl der Hochstimmung) belohnt, sondern nur mit einer freien Nase. Auch führt das Absetzen von Nasenspray nicht zu gefährlichen körperlichen Entzugssymptomen (vegetativen Symptomen, Zittern, Kreislaufproblemen), sondern nur zu einer verstopften Nase.

Aber eine verstopfte Nase ist nicht schön. Und sie ist schnell beseitigt: Mit Nasenspray!

Was ist passiert, dass Nasenspray mich um immer neue Anwendungen „bittet“?

Nasenspray hat als Medikament nur eine Wirkung mit begrenzter Dauer. Nasenspray wirkt nicht „ewig“. Nasenspray beseitigt keine anatomischen Atemhindernisse in der Nase. Nasenspray hat lediglich eine – zeitlich begrenzte – abschwellende Wirkung auf die Nasenschleimhaut.

Die Größe des Naseninneren ist bekanntlich ziemlich unveränderlich (Veränderungen in beschränktem Maße sind zwar möglich, aber nur durch Operationen!). Das Naseninnere teilen sich die Nasenschleimhaut und die Atemluft. Wird die Nasenschleimhaut dünner, dann steht mehr Platz für die Atemluft zur Verfügung. So einfach ist das.

„Irgendwann“ – nach etwa 8 Stunden – verschwindet die Wirkung des Nasensprays. Die bis dahin abgeschwollene Schleimhaut schwillt wieder an und der Platz für die Atemluft wird wieder kleiner. Wie weit schwillt die Nasenschleimhaut an? Bis zum „Startwert“, wie er sich unmittelbar vor der Nasensprayanwendung zeigte?

Nein. Weit gefehlt!

Die Schleimhaut schwillt stärker an als zuvor! Das kann bis zur vollständigen Atemluft-Blockade im Naseninneren führen. Und nicht nur das! Nicht nur die vollständige Undurchlässigkeit der Nase ist unangenehm! Die Schleimhaut würde sogar noch weiter anschwellen, wenn sie denn könnte und nicht durch die äußeren Nasenwände an einer weiteren Anschwellung gehindert würde. Dabei baut die Nasenschleimhaut einen gewissen Überdruck im Naseninneren auf und der ist sehr unangenehm!

Die gute Nachricht ist: Auch ohne Nasenspray wird die Schleimhaut wieder dünner und erreicht letztendlich doch noch den Schwellungsgrad, den sie vor der Nasensprayanwendung hatte.

Die schlechte Nachricht ist: Ohne Nasenspray dauert das länger als mit neuem Nasenspray.

Aber es funktioniert! Das Verhalten der Nasenschleimhaut nach Nasensprayanwendung nennt man „Rebound-Effekt“. Es ist vergleichbar einer Kinderschaukel mit einem ziemlich verrostetem Lager. Man lenkt die – sich am tiefsten Punkt befindliche – Schaukel auf eine bestimmte Höhe aus („Abschwellphase“) und  hält sie eine bestimmte Zeit fest („Wirkungsdauer“). Dann muss man sie irgendwann („Ende der Wirkungsdauer“) wieder loslassen, und die Schaukel schwingt langsam (wegen des verrosteten Lagers) wieder zurück („Anschwellphase“). Aber trotz des verrosteten Lagers bleibt die Schaukel nicht abrupt im tiefsten Punkt („Startwert“) stehen, sondern schwingt langsam weiter durch zur anderen Seite („zusätzliche Anschwellphase“). Nachdem die Schaukel einen Endpunkt erreicht hat – natürlich auf viel niedrigerem Niveau als bei der Erstauslenkung – schwingt sie noch langsamer (wegen des niedrigeren Ausgangsniveaus und des immer noch verrosteten Lagers) wieder zurück, bis sie dann im tiefsten Punkt („Startwert“) zur Ruhe kommt.

Was ich hier beschrieben habe, ist eine sogenannte „gedämpfte Schwingung“. Der Rebound-Effekt beim Nasenspray ist einer derartigen gedämpften Schwingung ähnlich.

Rebound-Effekt

Rebound-Effekt


 

Wie kommt man denn jetzt in Kenntnis des Rebound-Effektes vom Nasenspray wieder los?

Ganz klar: Wieder Nasenspray zu nehmen, ist keine gute Idee! Schließlich mache ich dann ja mit Nasenspray eine Schwellung weg, die ich ohne Nasenspray gar nicht hätte!

Es hilft nichts: Man muss die Phase der „post-medikamentösen“ (die Phase nach dem Wirkungsende) Nasenblockade „irgendwie“ überwinden. Vielleicht hilft es etwas, wenn ich sage, dass diese Phase eine nur endliche Dauer hat und es ein Licht am Ende des Tunnels gibt.

An dem Wörtchen „irgendwie“ haben Sie vielleicht erkannt, dass es noch Strategien gibt, wie man sich diese Phase zumindest ein wenig erleichtern kann.

Man kann zum Beispiel die Nase feucht halten. Dazu eignen sich Meerwasser-Nasensprays und Nasenöl-Sprays. Keine Sorge: Das Wort „Spray“ zeigt ja nur an, wie die Flüssigkeit in die Nase gelangt. Der Rebound-Effekt ist nicht eine Eigenschaft des Flüssigkeitsnebels sondern eine Eigenschaft des abschwellenden Wirkstoffes (z. B. „Xylometazolin“) im Spray. Meerwassersprays und Nasenöle pflegen die Schleimhaut und lösen Verkrustungen, sodass die Nase ein wenig freier wird. Aber Meerwassersprays und Nasenölsprays haben natürlich keinen Rebound-Effekt!

Eine weitere Strategie ist das „zweizeitige Absetzen“. Ja, Sie haben richtig gelesen: Ich meine „zweizeitig“ und nicht „zweiseitig“! Wir haben bekanntlich zwei Nasenlöcher – für jede Nasenseite ein eigenes Nasenloch. Und niemand verlangt, dass wir beide Nasenseiten „gleichzeitig“ entwöhnen müssen. Man kann das auch nacheinander – „zweizeitig“ eben – tun. Das zweizeitige Absetzen bedeutet, dass immer nur eine von beiden Nasenseiten zugeschwollen ist. Die andere Seite bleibt dann immer frei. Zu Beginn bleibt eine Seite frei, weil dort das Nasenspray einfach weiter angewendet wird, während es auf der anderen Seite schon abgesetzt ist. In der zweiten Phase bleibt die andere Seite frei, weil sie die „Ausschwingphase“ schon überwunden hat! Es ist klar, dass man beim zweizeitigen Absetzen die Seiten nicht wechseln darf! Also z. B. links absetzen und rechts weitersprühen. Immer nur rechts weitersprühen – nicht mal rechts, mal links (wie es schon vorgekommen ist)! Ist die linke Seite freigeworden, dann auch rechts kein Nasenspray mehr einsprühen. Nicht links wieder damit beginnen (wie es schon vorgekommen ist)!

Zweizeitiges Absetzen

Gleichzeitiges Absetzen – Zweizeitiges Absetzen


 

Ich möchte nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass der gesamte „Entwöhnungs-Stress“ auch durch das zweizeitige Absetzen nicht verkleinert werden kann! Entweder bewirke ich bei halber „Stress-Dauer“ eine doppelte „Stress-Stärke“ oder ich erziele bei doppelter „Stress-Dauer“ eine halbe „Stress-Stärke“. Das mathematische „Kommutativgesetz“ sorgt dafür, dass „einhalb mal zwei“ das gleiche Ergebnis liefert wie „zwei mal einhalb“ … Man mag das in diesem Fall bedauern, aber das hilft leider auch nichts …

 

Foto: Dr. Wolfgang VahleWenn es mit diesen Strategien nicht gelingt, sich vom Nasenspray zu entwöhnen, dann sollte eine Vorstellung beim HNO-Arzt (gern auch bei uns) auf dem Programm stehen. Man muss dann gemeinsam nach den Ursachen der Nasenatmungsbehinderung suchen und diese gezielt behandeln. Wir Profis haben da einfach mehr Möglichkeiten als Sie …

 

 

 

 

 

07.01.2018: Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare. Um die Übersichtlichkeit nicht zu verlieren, wird die Kommentarfunktion nun geschlossen.

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