Zwischenschritte

Da war es gerade wieder passiert! In der Mittagspause! Ein Pharmaberater wundert sich, dass ich Homöopathie für Nonsens halte! Es gebe doch Heilungen!

Ich frage ihn: „Sie persönlich sind durch Homöopathie geheilt worden??“ – „Nee, nicht ich, ein Bekannter hat mir darüber berichtet.“

Wieder einmal knapp daneben. Wieder einmal habe ich nicht den „Geheilten“ selbst sprechen können, sondern nur einen Mittelsmann.

Prof. Walter Kremer (Professor für Statistik, Dortmund) hat in seinem Buch „Denkste. Trugschlüsse aus der Welt der Zahlen und des Zufalls“ ein nettes Beispiel gebracht. Er fragt gerne mal Leute, über wie viele Bekannte als Zwischenglieder man wohl beim Papst oder beim Dalai Lama ankomme. Die meisten Zeitgenossen schätzen diese Zahl viel zu hoch ein!

Es sind durchschnittlich 4 bis 5! Um beim Papst zu bleiben: Sie kennen sicherlich Ihren Gemeindepastor. Der kennt seinen Bischof und dieser dann schon den Papst. Bis zum Dalai Lama ist es dann nur noch „einen“ weiter: der Papst kennt nämlich den Dalai Lama! Und wenn Sie Ihren Gemeindepastor nicht persönlich kennen: Sie kennen bestimmt jemanden, der Ihren Gemeindepastor kennt.

 

 

 

Wie kann das passieren, dass man nur so wenige Zwischenschritte braucht?

Nun – jeder von uns kennt sicherlich (mehr oder weniger gut) etwa hundert Leute: Verwandschaft, Freunde, Arbeitskollegen, Sportkameraden, Klassenkameraden von früher, Klassenkameraden der Kinder und deren Eltern, Lehrer, Pastor, Gemeinde, die Verkäuferin in der Boutique, Postboten, Ärzte etc. Jeder von denen kennt aber auch etwa 100 Leute: über nur einen Zwischenschritt erreichen Sie also bereits 10.000 Menschen! Über zwei Zwischenbekannte sind Sie bereits bei 1 Million und über drei Zwischenbekannte bei 100 Millionen Menschen (na, ja – etwas weniger, denn manche Bekannte werden mehrfach gezählt), die Sie „indirekt“ erreichen können – also praktisch alle Einwohner Deutschlands!

Und wenn es nur einen einzigen Menschen in Deutschland gäbe, der von seiner homöopathischen Heilung tief überzeugt ist – dann haben wir alle schon von diesem Menschen gehört! „Ich kenne einen (1. Schritt) und dessen Bekannter (2. Schritt) habe ihm von einem Geheilten (3. Schritt) erzählt“! Über drei Zwischenschritte wird jede „Heilungsgeschichte“ mündlich jedem Menschen in Deutschland nahegebracht! Und solche „Heilungsgeschichten“ – das sind schon echte Sensationen! Das sind echte Schlagzeilen! Das sind gute und interessante Nachrichten!

Drei Zwischenschritte! – Kennen Sie das Spiel „Stille Post“?

Drei Zwischenschritte! Da kann es leicht passieren, dass aus einem Erkältungshusten, den ein Arzt mit einem (falsch indizierten und deshalb unwirksamen!) Antibiotikum nicht wegbekommen hat – wohl aber der Homöopath (weil er nach dem Arzt „dran“ war und letztlich die Spontanheilung gar nicht mehr verhindern konnte!) ganz schnell ein „inoperables Bronchialkarzinom“ wird, das – von der ach so unvermögenden „Schulmedizin“ „aufgegeben“ – von einem Homöopathen schließlich „geheilt“ worden ist!

Anekdoten! Nicht mehr und nicht weniger!

Und was ist mit den Erfolgen der wissenschaftlichen Medizin? Wann haben Sie das letzte Mal davon gehört, dass eine schwere Lungenentzündung mit einem Antibiotikum erfolgreich behandelt worden ist? – Sehen Sie? Es passiert sicherlich tausende Male jährlich in Deutschland! Schlagzeile? Wieso – ist doch uninteressant!

Wann lesen Sie jemals in der Zeitung, dass wieder einmal eine akute „Blinddarmentzündung“ erfolgreich operiert wurde? Es passiert täglich in jedem chirurgischen OP-Saal der Republik – in manchen sogar mehrfach täglich! Schlagzeile? Fehlanzeige! Uninteressant!

Drei Zwischenschritte – und aus jedem netten Zufall kann eine „Schlagzeile“ werden, die jeden Menschen der Republik mündlich erreicht! Allein die Gabe eines Homöopathikums kann schon diese Kettenreaktion auslösen!

Ich selbst warte schon seit Jahren auf einen Menschen, der persönlich – ohne Zwischenbekannte! – allein durch Homöopathie „geheilt“ wurde und der mir Gelegenheit gibt, mal nachzuprüfen, was da wirklich passiert ist! Aber ich werde wohl alt und grau darüber werden!

 

Siehe auch Alternativmedizin und Klartext über Homöopathie.

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Kommentare

  1. Lieber verehrter Herr Dr. Vahle,

    Ihre Art zu schreiben und zu argumentieren gefällt mir – ich hoffe, Sie werden noch viele Beiträge veröffentlichen.

    Leider mangelt es mir an der nötigen Bildung, um mit Ihnen über „alternative Heilmethoden“ zu diskutieren. (Nein, ich möchte nicht hören, dass es keine Argumente gibt, die naturwissenschaftlich belegbar seien…)

    Sehr spannend stelle ich mir einen verbalen Schlagabtausch zwischen Ihnen und einem Arzt oder / und Heilpraktiker vor, die überzeugt homöopathisch behandeln.

    Beeindruckt bin ich auch von Ihrem Mut, so klar Ihre negative Meinung zu der Thematik öffentlich zu machen! Für viele Laien ist Homöopathie das gleiche wie Naturheilkunde.

    Liebe Grüße eines neuen Lesers 🙂
    Jessica Zimmermann

    • Sehr verehrte Jessica,

      Vielen Dank für Ihr Lob! Ich weiß, dass die Homöopathie von vielen für „sanfte Naturheilkunde“ gehalten wird. Das ist aber absolut falsch! Und deshalb finde ich klare Worte!

      Ich weiß auch, dass der Glaube an Homöopathie ein „Glaube“ ist. Und darüber kann man nur schlecht diskutieren! Wenn nämlich die sachlichen Argumente fehlen, dann gleiten Diskussionen meistens „ins Persönliche“ ab mit Beleidigungen und Verunglimpfungen. Und deshalb möchte ich auch auf meiner Homepage keine große öffentliche Diskussion führen. Und vor allem werde ich keinen homöopathisch tätigen Arzt einladen, bei mir Kommentare abzugeben. Ich bin schon länger „im Geschäft“ und weiß, dass ich alle Argumente der homöopathisch tätigen Ärzte „spielend“ widerlegen kann. Eine Diskussion mit den Kollegen an dieser Stelle käme einer öffentlichen Blamage gleich. Aus Respekt vor den Kollegen werde ich darauf verzichten (und habe auch den von Ihnen genannten Namen hier nicht eingestellt).

      Ich kann aber leider nicht umhin, auch Ihnen eine kleine Kritik mit auf den Weg zu geben. Wenn Sie sagen, dass Sie keine Argumente hören wollen dergestalt, dass es für die Homöopathie keine wissenschaftlich belegten Argumente gebe – was wollen Sie dann hören? Das ist doch mit das Wichtigste überhaupt: Die Wissenschaft findet weder homöopathische Effekte noch physikalische Erklärungsmöglichkeiten! Wenn Sie Homöopathie rein subjektiv verifizieren wollen, gibt es ein dazu passendes Sprichwort: Irren ist menschlich! „Wissenschaft“ ist das Verfahren, menschliche Irrtümer zu minimieren (ich sage nicht „zu verhindern“!). Mit keiner anderen Methode erreicht man geringere Fehlerwahrscheinlichkeiten!

      Wenn Sie also nicht hören wollen, dass die Wissenschaft keine Argumente gefunden hat, die für die Homöopathie sprechen, dann muss ich Ihre Bitte leider ignorieren! Ich muss sogar noch etwas deutlicher werden: Alle Argumente, die Homöopathen für ihren Glauben an die Homöopathie heranziehen, sind wissenschaftlich widerlegt! Das heißt, es gibt auch in Zukunft keine Chance, bereits heute widerlegte Argumente nachträglich doch noch „wahr zu machen“.

      Und bevor jetzt Kommentare über „geheilte“ Einzelfälle hereinkommen, möchte ich an dieser Stelle noch mal deutlich sagen, dass alle beobachteten Effekte problemlos durch den „Placebo-Effekt“ erklärt werden können! Ja, der Placebo-Effekt existiert! Ja, er existiert nachgewiesenermaßen auch bei Neugeborenen, Kleinkindern und bei Tieren! Nein, es gibt keine Methode der Welt, die den Placebo-Effekt verhindern könnte – auch nicht die Homöopathie! Nein, ein „Glaube“ an den Placebo-Effekt ist für seine Wirksamkeit nicht erforderlich! Ja, auch bei „skeptischen Wissenschaftlern“ ist der Placebo-Effekt vorhanden (wenn auch etwas kleiner).

  2. Ich habe gerade ihren Blog entdeckt und bin beeindruckt und gleichzeitig traurig, dass man in den Weiten des Internets so selten so offen, sachlich und anschaulich über die Hintergründe der Alternativmedizin informiert wird. Kompliment! Die Anhängerschaft der Scharlatanerie ist ja leider so riesengroß, dass man inzwischen kaum dagegen ankommt und sich auch nur noch selten traut, etwas dagegen zu sagen. In der heutigen Zeit kann man niemandem mehr vormachen, die Welt sei eine Scheibe, aber in Sachen Gesundheit geht es den meisten Menschen anscheinend nicht mehr um Fakten sondern um Glauben.

    Ich muss ganz ehrlich zugeben: Ich war selbst eine Anhängerin der Homöopathie. Mir wurde auch schon von einem aufmerksamen Heilpraktiker geholfen eine chronische Mandelentzündung zu bekämpfen – erst im Nachhinein wurde mir klar, dass er es geschafft hat, meine Selbstheilungskräfte zu aktivieren, einfach indem er sich Zeit und mich ernst nahm. Vielleicht hatte die Krankheit auch tiefere – psychische – Ursachen, die der Naturheiler irgendwie ansprechen konnte. Für eine Psychotherapie wäre ich aber nicht krank genug gewesen.

    Und hier liegt ja leider auch der Hase im Pfeffer und der Grund, weshalb die Heilpraktiker einen solchen Zulauf genießen: Ärzte haben keine Zeit für ein umfassendes Gespräch mit den Patienten, der psychologische Aspekt wird nicht berücksichtigt (oder kann nicht berücksichtigt werden). Eigentlich bräuchte man in manchen Fällen wohl einfach nur einen „neutralen Freund“ zum Reden, doch das kann ein Arzt natürlich nicht bieten.

    Meine Meinung zur Alternativmedizin änderte sich erst, als ich mich mal rein interessehalber in das ganze Thema einlas. Seitdem schäme ich mich dafür, diese „Medizin“ für seriös gehalten und sie auch noch im Bekanntenkreis empfohlen zu haben (ich muss das jetzt noch ständig klarstellen).

    Und nun ist es anders herum: Da wird man gleich zum Chemiekeulen-Verabreicher ernannt, wenn man sich weigert, seinem vor Schmerzen schreienden Kind Zuckerkügelchen in den Mund zu stopfen, sondern zu Nurofen greift… da muss man sich rechtfertigen, dass man seine Kinder nach STIKO impft und nicht nach irgendeinem selbst ausgeklügelten Plan (oder gar überhaupt nicht)… oder dass man keine Notfallapothke mit 100 verschiedenen Röhrchen mit Kügelchen für alle Eventualitäten zum Spielplatz bringt und es ablehnt, seinem Kind die Kügelchen anderer Mütter zu geben… da bekommt man „antrophosophische“ Augentropfen von der Vertretungs-Kinderärztin verschrieben, obwohl man vorher darauf hingewiesen hat, dass man nichts homöopathisches braucht, sondern auch gern ohne Rezept wieder nach Hause geht… da wird man schief angeschaut, wenn man es nicht für nötig hält, die stinknormale Erkältung mit der „Heißen Sieben“ zu behandeln… Aber ich habe mich geschlagen gegeben und halte inzwischen meinen Mund. Sollen doch die Leute 7,50 € für Bachblüten-Notfallbonbons ausgeben, während ich für das gleiche Geld mit 10 Tafeln Schokolade genau so glücklich bin. Sollen sie 150 € (pro Familienmitglied) ausgeben, um ihre Nahrungsmittelunverträglichkeiten nach der Bioresonanzmethode zu ermitteln, um anschließend einem völlig komplizierten Ernährungskonzept folgen zu müssen. Ich investiere das Geld in mein Hobby und bin damit glücklich. Jeder nach seiner Fasson.

    Dennoch bin ich froh, dass ich auf diesen Mist nicht mehr hereinfalle und würde mir wünschen, im Netz noch mehr Aufklärungsseiten wie Ihre zu finden – aber damit lässt sich ja leider – im Gegensatz zur alternativen Medizin – kein Geld verdienen. Das macht mich traurig.

    Trotzdem: Bitte weiter so!

    • Herzlich Willkommen!

      Ich bedanke mich für Ihren ausgezeichneten Beitrag! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen!

      Kürzlich habe ich gelesen, dass die Homöopathie-Anhänger den Kampf um die Homöopathie gewonnen hätten. Die Zahl der Anhänger – und Unterstützer bis in höchste Regierungskreise – sei inzwischen so groß, dass die Entwicklung nicht mehr umzukehren sei. Ich will das noch nicht so richtig wahrhaben und kämpfe weiter für die Seriosität. Und es freut mich, dass es trotzdem noch einige Skeptiker gibt, die klar denken können.

      Es ist leider so wie Sie geschrieben haben: Ein ausführliches Patienten-Arzt-Gespräch über eine Stunde kann sich kein Arzt heute mehr leisten. Und wenn man ehrlich ist: Manche „Wehwehchen“ bedürfen auch eigentlich keines Arztes. Und wenn die Patienten dennoch mit objektiv geringen Beschwerden, aber hohem Leidensdruck kommen, dann habe ich schon häufig die Erfahrung gemacht, dass eine simple Aufklärung über die Harmlosigkeit des Befundes und die gute Prognose („Die Krankheit wird von allein wieder verschwinden…“) von den Patienten dankbar akzeptiert wird. Da muss man keine Zuckerkügelchen verabreichen. Ich bin im Übrigen der Meinung, dass „Therapeuten“, die ihren Patienten wissentlich unwirksame Sachen verabreichen, ihre Patienten nicht ernst nehmen! Und auch das ist eine Frechheit!

      Ich wünsche Ihnen, dass Sie weiterhin die Kraft haben, den Anfeindungen der „lieben Mitmenschen“ zu widerstehen, wenn diese Sie wieder zur Quacksalberei drängen wollen!

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