Stimmabgabe: Eine Stimme für den Kehlkopf

„Stimmabgabe“ mal nicht politisch: Es geht um unsere Stimme. Um die Stimme, die aus dem Kehlkopf („Larynx“) kommt. Und wir sollten diese unsere Stimme tunlichst nicht abgeben, sondern behalten.

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Kehlkopf

Der menschliche Kehlkopf ist eine große und wichtige Errungenschaft der Evolution. Die Entwicklung der Menschheit wäre ohne Kehlkopf nicht möglich gewesen! Schließlich ist nur der Kehlkopf in der Lage – natürlich „angesteuert“ vom Gehirn – Laute, Wörter und Sätze – Sprache eben – zu produzieren. Und wo wären wir ohne unsere Sprache? Wie hätten wir Wissenschaft, Technik oder Kultur ohne unsere Sprache entwickeln können? Wie hätte sich unser Gehirn soweit entwickeln können, wenn wir keine Sprache hätten? Hier schließt sich der Kreis: Sprache und Gehirn sind aufeinander angewiesen.

Die menschliche Sprache ist ein geniales Instrument, Informationen zwischen zwei Individuen auszutauschen – auch über eine relativ große Distanz hinweg. Die Sprache setzt sich aus vielen komplexen Klanggebilden („Phonemen“) zusammen und ist dadurch sehr flexibel und sehr mächtig, wenn es darum geht, große Mengen an Information in akustische Signale zu verpacken.

Copyright: Fotolia.de kareinoppeUm diese Informationen von einem Menschen zum anderen zu transportieren, also „Kommunikation zu betreiben“, brauchen wir zwei Organe: Der Kehlkopf muss den Wörtern Stimme verleihen und die Ohren müssen die Wörter aus der Stimme heraushören. Ist es ein Wunder, dass die Ohren genau in dem Frequenzbereich am empfindlichsten sind, in dem unser Kehlkopf die Stimme produziert? Nein, so funktioniert die Evolution! Lebewesen, deren stimmproduzierendes Organ und Hörorgan nicht aufeinander abgestimmt waren – die also nicht mal sich selbst hören konnten – konnten auch nicht unsere Vorfahren werden. Dabei fängt der Informationsaustausch zwischen verschiedenen Individuen nicht erst mit einer fertigen und hochentwickelten Sprache an: Lock- und Warnrufe sind im Tierreich schon lange weit verbreitet!

Schall als Träger der Information
In den Artikeln über die Funktionsweise unserer Ohren, haben wir bereits über den Schall geschrieben. Wir haben schon erfahren, dass es sich beim Schall um Luftschwingungen handelt, die das Trommelfell des Ohres zum Mitschwingen bringen und in der Tiefe des Innenohres in elektrochemische Nervenimpulse übersetzt („codiert“) werden. Dabei ist der hörbare Bereich der Luftschwingungen durchaus sehr groß: von etwa 16 Schwingungen pro Sekunde (= 16 Hertz = 16 Hz) bis knapp 20.000 Schwingungen pro Sekunde (= 20.000 Hertz = 20 Kilohertz = 20 kHz). Am empfindlichsten ist das Ohr im Frequenzbereich von etwa 500 Hz bis etwa 3 kHz. Es fällt nicht so schwer, sich vorzustellen, dass ein kleines, dünnes Trommelfell, das kaum etwas wiegt, solch schnelle Schwingungen mitmachen kann.

Aber jetzt kommt die zweite Seite der Medaille: Wie schafft es der Kehlkopf, so schnelle Luftschwingungen zu produzieren? Auch, wenn der Kehlkopf keine 20 kHz produzieren muss: Schwingungen von 500 Hz bis 3 kHz muss er aber schon „bringen“!

An dieser Stelle lohnt sich mal ein Blick in den Instrumentenbau und die Instrumentenkunde. Und wir sollten auch die Entwicklung unseres Körpers näher betrachten. Beginnen wir mit unserem Körper und seiner Anatomie.

Aufbau und Funktionsweise des Kehlkopfes
Copyright: Fotolia.de lom123Der Kehlkopf sitzt an einer entscheidenden Stelle! Er sitzt an der Wegkreuzung zwischen Speiseweg und Atemweg. Seine älteste Aufgabe ist auch die wichtigste: Der Kehlkopf muss „aufpassen“, dass keine Nahrung in die Luftwege gelangt. Er macht das, indem er die Atemwege verschließt, wenn Speisen an der Luftröhre vorbeikommen. Es gibt zwei Verschlussmechanismen: einmal schließt sich der Kehldeckel und legt sich ähnlich einem Topfdeckel über die Öffnung der Luftröhre. Und zum anderen gibt es in den tieferen Etagen noch Schleimhautfalten mit innenliegenden Muskeln, die sich ebenfalls schließen. Diese Falten sind aber paarweise vorhanden – rechts wie links – und bewegen sich aufeinander zu, bis sie sich berühren und zwischen ihnen nichts mehr hindurchgelangen kann. Von diesen Falten gibt es sogar zwei Paare: ein oberes, relativ kräftiges Paar mit einer starken Muskulatur und ein unteres Paar mit relativ zarten Schleimhautfalten und Muskeln, die zwar weniger kräftig, dafür aber flinker sind. Die unteren Falten heißen „Stimmbänder“ und die oberen Falten „Taschenbänder“ oder „Falsche Stimmbänder“.

Diese drei Verschlussmechanismen in drei Etagen – Kehldeckel, Taschenbänder und Stimmbänder – verschließen den Kehlkopf, wenn Speise und Getränke auf dem Weg nach unten in den Magen sind. Das funktioniert meistens sehr gut. Aber wehe, es funktioniert mal nicht: Dann gibt es einen fürchterlichen Hustenreiz und wir laufen blau an! Der Volksmund nennt das „verschlucken“ (obwohl man sich ja nicht selbst verschlucken kann), wir Mediziner nennen es „aspirieren“, was soviel wie „einatmen“ bedeutet: Auch Speisekrümel und andere Fremdkörper können mit dem Luftstrom beim Einatmen in die Luftröhre oder in die Bronchien gelangen.

Natürlich kann der Kehlkopf nicht ständig geschlossen bleiben: Dann würden wir zwar problemlos essen und trinken können, müssten aber ersticken! Die Luftröhre muss immer dann geöffnet bleiben, wenn wir gerade mal nichts essen oder trinken.

Der Kehlkopf muss also „umschalten“ können: Mal muss er geöffnet sein, damit die Luft gut ein- und ausgeatmet werden kann („Respirationsphase“ = Atemphase), und dann muss er auch mal geschlossen sein, damit keine Speise in die Atemwege gelangt („Schlussphase“ – der Kehlkopf ist verschlossen).

Bei unseren Vorfahren im Tierreich war das nicht immer so! Auch bei der Entwicklung unserer Babys kann man das sehen: Babys sind in der Lage, gleichzeitig zu atmen und zu trinken, ohne dass Milch in die Luftröhre gelangt, also ohne zu aspirieren! Wie funktioniert das?

Nun, der Kehlkopf der Babys steht sehr hoch! Stellen Sie sich ein Waschbecken vor, in dem es nicht nur einen Ausguss gibt, sondern zwei, die nebeneinander liegen. Nur in einen Ausguss darf Wasser hineingelangen. In den anderen „Ausguss“ darf nur Luft hinein, die weiter unten abgesaugt wird. Wie kann man sicherstellen, dass kein Wasser in den Luftschacht gelangt?

Die einfachste Lösung ist, dass man das Luftrohr (bei uns Menschen heißt sie „Luftröhre“) nach oben verlängert. Wenn jetzt Wasser im Becken steht und ablaufen soll, dann kann es nur in den tiefergelegenen Wasserabfluss hinein. Wasser kann nicht bergauf an dem Luftrohr hochsteigen, um dann oben in den „Luftabfluss“ zu gelangen. Wenn die Öffnungen beider Rohre unterschiedlich hoch sind, dann braucht man keine Verschlussmechanismen: Das Wasser kann niemals versehentlich in das falsche – obere – Rohr gelangen.

Genauso verhält es sich bei den Babys. Der Kehlkopf und die Luftröhre der Babys stehen sehr hoch. Babys können deshalb gefahrlos trinken und atmen.

Aber Babys haben auch schon Stimmbänder. Und diese Stimmbänder können sich auch schon schließen. Und manchmal werden die Stimmbänder schon mal geschlossen, obwohl keine Mahlzeit ansteht, die das erfordern würde. Und wenn man dann mal durch die geschlossenen Stimmbänder ausatmet, dann…

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Saxophon

Tonerzeugung in Holzblasinstrumenten und im Kehlkopf
… ja dann passiert etwas, was bei einigen Musikinstrumenten auch passiert!
Insbesondere Oboe, Klarinette, Saxophon, Englischhorn und Fagott zeigen uns etwas, das auch im Kehlkopf geschieht.

Wenn Luft durch einen engen Spalt strömt, dann erhöht sich an dieser Stelle die Strömungsgeschwindigkeit. Und gleichzeitig sinkt der Druck. Diesen Mechanismus habe ich an anderer Stelle auch schon beschrieben: Es handelt sich um den „Bernoulli-Effekt“, benannt nach Daniel Bernoulli (1700 – 1782). Man kann übrigens die Wirkung des „Bernoulli-Effektes“ sehr einfach mit zwei gewölbten Papieren sichtbar machen, wenn man die Wölbungen nach innen hält und dann zwischen den Papieren hindurchpustet. So wie sich die Papiere aufeinander zubewegen, bewegen sich auch die Stimmbänder aufeinander zu – bis keine Luft mehr hindurchpasst.

Wenn die Stimmbänder verschlossen sind, reißt die Strömung sofort ab. Keine Strömung – kein Unterdruck. Statt dessen baut sich aber unterhalb der Stimmbänder ein Überdruck auf, der die Stimmbänder auseinanderdrückt – zumal jetzt „niemand“ mehr da ist, der sie zusammenzieht! Die Strömung setzt sofort wieder ein, der Unterdruck kehrt zurück und schließt die Stimmbänder, sodass sich dieser Vorgang immer und immer wieder wiederholt – und zwar sehr schnell. Die Stimmbandmuskeln müssen dabei lediglich die „Vorspannung“ liefern, die letztendlich die Tonhöhe bestimmt. Die Stimmbandmuskeln müssen aber nicht die Stimmbänder „zittern“ lassen. Das könnten sie auch gar nicht: Muskeln sind nicht in der Lage, sich in derart hohen Frequenzen abwechselnd anzuspannen und zu entspannen.

Durch die vielen kurzen Unterbrechungen des Luftstroms entsteht ein Ton, eine Schallwelle, die sich in der Ausatemluft sehr schnell (etwa 330 Meter pro Sekunde) ausbreitet. Aus diesem Grunde heißt die „Schlussphase“ des Kehlkopfes (die Stimmbänder sind geschlossen) auch „Phonationsphase“, weil zwischen den geschlossenen Stimmbändern ein Ton produziert („phoniert“) wird – wie bei den oben genannten Blasinstrumenten.

Dieser „primäre Kehlkopfton“ klingt nicht gut. Eine Klarinette ohne das schwarze Rohr klingt auch nicht gut, deshalb wird so etwas auch gar nicht erst gebaut. Wenn wir Menschen diesen primären Kehlkopfton zur Kommunikation verwenden wollen, dann müssen wir ihn ein wenig weiter bearbeiten. Wir müssen dem Ton ein „Volumen“ geben. Wir brauchen ein „Ansatzrohr“, einen „Resonanzraum“, in dem der Ton verfeinert und moduliert werden kann.

Der einzige Raum, der bei uns Menschen dafür in Frage kommt, ist der Rachenraum sowie die Mundhöhle. Bei den Babys reicht das nicht aus: Nicht nur, dass die Mundhöhle klein ist – nein, der Kehlkopf steht ja so hoch, dass für einen Resonanzraum kein Platz mehr übrig ist.

Da wir Erwachsene aber schöne Töne, Laute und Phoneme bilden können, muss die Natur also auch einen Weg gefunden haben, den Mund- und Rachenraum doch noch als Resonanzraum zu nutzen. Wie hat die Natur das gemacht? Im Laufe der frühen Kindheit senken sich Luftröhre und Kehlkopf immer weiter ab, sodass der oberhalb liegende Mund- und Rachenraum immer größer wird. Das „Absteigen“ des Kehlkopfes ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir sprechen und singen können. Diesen Vorteil müssen wir mit einem Nachteil bezahlen: Wir können nicht mehr gleichzeitig essen (trinken) und atmen. Und wir können Speiseteilchen aspirieren – wenn wir Pech haben mit anschließender Lungenentzündung!

Non-verbale Kommunikation
Ich könnte an dieser Stelle ins Schwärmen geraten und ein „Riesen-Fass“ aufmachen über die Entwicklung von den primitiven gesprochenen Sprachen bis hin zu den ausgefuchsten Schriftsprachen, über die Entwicklung von Wörtern und Sprachregeln („Grammatik“), über die Verwandtschaft von Fremdsprachen und über die gegenseitige Beeinflussung von Sprechen und Denken. Aber das kann ich nicht leisten; da möchte ich jeden Interessierten animieren, entsprechende Bücher, z. B. über „Linguistik“, zu lesen.

Ich möchte auf einen weiteren wichtigen Punkt hinweisen: Mit unserem Kehlkopf können wir nicht nur Phoneme, Laute, Wörter oder Sätze bilden, die nach den Sprachregeln einen festen Sinn haben – nein, wir können unsere Stimme auch ohne Wörter scheinbar sinnfrei einsetzen. Ich habe absichtlich „scheinbar“ und „sinnfrei“ geschrieben, denn tatsächlich sind wir in der Lage, Informationen über unsern körperlichen oder seelischen Zustand und unser Wohlbefinden auch ohne Worte mitzuteilen. Allein der Klang der Stimme reicht aus, den Zustand unserer Stimmung zu verraten. Ist es da eine Überraschung, dass die Wörter „Stimme“ und „Stimmung“ aus derselben Sprachwurzel abstammen?

Machen Sie einmal folgendes Experiment: Üben Sie den Satz zu sprechen „Ich bin so unglücklich“. Versuchen Sie, beim Sprechen dieses Satzes authentisch zu klingen. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Schauspielschüler und hätten diesen Satz zu sagen. Merken Sie sich, mit welchem Tonfall und mit welcher Satzmelodie Sie diesen Satz sagen.

Und nun gehen Sie zu einem Freund und sagen Sie den Satz „Ich bin so glücklich“ – aber mit dem gleichen Tonfall und der gleichen Satzmelodie, die Sie beim Satz „Ich bin so unglücklich“ geübt haben.

Wie, meinen Sie, wird Ihr Freund reagieren? Glaubt er Ihren Worten oder Ihrer Stimme? Die Frage ist rhetorisch und die Antwort ist klar: Die Stimme ist glaubwürdiger als die Worte. Wie heißt es bei Goethe im „Faust“? „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“…

Unsere Stimmung ist also in der Lage, unsere Stimme unbewusst zu beeinflussen – ohne, dass wir das großartig verhindern können. Es sind alte Ausdrucksmöglichkeiten, die aus einer Zeit stammen, als die Kommunikation über die Worte – verbale Kommunikation – noch nicht erfunden war und wir uns „non-verbal“, also ohne Worte, verständigen mussten.

Es handelt sich aber nicht um eine Einbahnstraße! Auch umgekehrt funktioniert es: Wenn Sie niedergedrückter – „deprimierter“ – Stimmung sind und sie zwingen sich, mit gut klingender Stimme zu sprechen oder zu singen, dann werden Sie sofort merken, dass sich Ihre Stimmung mit der Stimme „aufhellt“! Wieder ein Wort, das zu Beidem passt: Zur Stimme und zur Stimmung. Mit heller Stimme zur aufgehellten Stimmung!

Machen Sie sich diese Zusammenhänge ruhig mal bewusst.

Stimmstörungen
Natürlich kann es auch mal sein, dass die Stimme nicht gut klingt, obwohl der Sprecher eigentlich eine gute Laune hat und es keinen Grund dafür gibt, seinem Gegenüber non-verbal eine schlechte Laune mitzuteilen. In solch einem Fall liegt eine Stimmstörung vor.

Copyright: Dr. Wolfgang Vahle

Lupenlaryngoskop

Organische Stimmstörungen
Wir alle haben das schon mal erlebt: Der Hals fängt an zu kratzen und zu schmerzen. Eine Erkältung ist im Anmarsch. Und schon ist die Stimme schlecht, kratzig und heiser. Wenn man als HNO-Arzt einen solchen Kehlkopf sieht, erkennt man gleich die Schleimhautrötungen und Schleimhautschwellungen. Mit einem entzündeten Kehlkopf kann man nicht gut sprechen. Die Natur hilft sich aber – zumindest mittelfristig – selbst: Wer heiser ist und Schmerzen hat beim angestrengten Sprechen, dem muss man als HNO-Arzt keine Stimmschonung mehr auferlegen: Das machen die Betroffenen normalerweise ganz von allein! Nur den Unvernünftigen, die trotz ihrer Beschwerden den Kehlkopf überlasten: Ihnen muss man Stimmschonung empfehlen! „Stimmschonung“ ist aber nicht gleichbedeutend mit „Stimmverbot“. Und „Flüstern“ ist ebenfalls keine Stimmschonung – im Gegenteil, Flüstern ist sogar anstrengender für den Kehlkopf als normales Sprechen. Stimmschonung bedeutet, so wenig wie möglich zu sprechen und niemals mit Druck, sondern lieber mit viel „lockerer“ Luft! Und wenn die Stimme wirklich heiser und unschön klingt: Das ist nicht schlimm, denn Sie geben Ihrem Gesprächspartner damit non-verbal zur Kenntnis, dass Sie krank sind… Noch ein wichtiger Ratschlag: Wenn Ihr entzündeter Kehlkopf nicht schön klingt, dann versuchen Sie bitte nicht, durch Änderung Ihrer Stimmtechnik den Klang schöner zu machen! Wenn ein gesunder Kehlkopf gut klingt, dann ist die Stimmtechnik optimal. Wenn Sie eine für die Gesundheit optimale Stimmtechnik im Krankheitsfall ändern, dann ist die geänderte Stimmtechnik nach der Krankheit, wenn Sie wieder gesund sind, nicht mehr optimal! Ist doch klar: Wenn man etwas Optimales ändert, kann es nur schlechter werden. Zum Thema „nicht optimale Stimmtechnik“ verweise ich auf den Text weiter unten, wo wir uns mit den „Funktionellen Stimmstörungen“ beschäftigen.

Sollten Sie jedoch länger als 3 Wochen heiser sein, dann scheuen Sie sich nicht, umgehend einen HNO-Arzt aufzusuchen! Jede Heiserkeit, die länger als 3 Wochen anhält, muss HNO-ärztlich abgeklärt werden. Es soll ja gelegentlich auch mal vorkommen, dass ein schlecht klingender Kehlkopf nicht nur entzündet, sondern vielleicht sogar bösartig erkrankt ist! Und wenn dieser Fall tatsächlich eingetreten ist, dann ist man froh und dankbar um jeden Tag, um den die Diagnose früher gestellt wurde.

Auch Lähmungen der Kehlkopfnerven haben Stimmveränderungen zur Folge, oftmals schwerwiegende. Einer der wichtigsten Kehlkopfnerven, der „Nervus recurrens“ (er kommt vom Gehirn und steigt bis unter die Kehlkopfhöhe tiefer hinab als er eigentlich müsste – links sogar bis in den Brustkorb –, um dann wieder nach oben  zurück zukehren zum Kehlkopf), verläuft in unmittelbarer Nachbarschaft zur Schilddrüse. Leider ist der Nerv also bei jeder Schilddrüsenoperation prinzipiell gefährdet. Glücklicherweise kommen Verletzungen des Nerven bei Schilddrüsenoperationen nur äußerst selten und dann auch meistens nur einseitig vor. Aber wenn es zur Lähmung kommt („Recurrensparese“), dann sind die Folgen – zumindest eine ganze Zeitlang – unangenehm. Man kann zwar in etwa 50 % der Fälle mit einer Spontanheilung innerhalb eines Jahres rechnen, aber wenn ein Nerv gelähmt bleibt, dann kann sich das von diesem Nerven versorgte Stimmband nicht mehr bewegen. Es steht etwas außermittig still („Paramedianstellung“) und kann sich in der Phonationsphase nicht weiter einwärts bewegen, sodass ein relativ großer Stimmspalt geöffnet bleibt, durch den die Luft entweicht. Die dabei erzeugten Reibegeräusche nimmt man als „Verhauchung“ wahr. Außerdem entweicht die Luft beim Sprechen oder Singen sehr schnell aus der Lunge, sodass die „Tonhaltedauer“ verkürzt ist (musikalisch gesprochen heißt das, man kann keine ganze Note mehr singen, sondern nur noch halbe oder viertel Noten). Die schlechte Stimmqualität bei einer Recurrensparese ist aber durch eine logopädische Übungsbehandlung verbesserungsfähig. Glücklicherweise kann das gesunde Stimmband, das normalerweise nur bis zur Mittellinie schließen muss, animiert werden, über die Mittellinie hinaus auf die andere Kehlkopfseite zu „gehen“. Durch dieses „Entgegenkommen“ des gesunden Stimmbandes wird der Stimmspalt dann wieder enger und die Stimme besser.

Eine zweite Folge der Recurrensparese ist aber: Das gelähmte Stimmband kann sich in der Respirationsphase nicht weiter auswärts bewegen. Damit bleibt der Querschnitt der während der Atmung eng und der Atemwiderstand erhöht sich. In Ruheatmung merkt man davon noch nicht so viel. Aber unter körperlicher Belastung mit erhöhtem Sauerstoffbedarf reicht die Luft irgendwann nicht mehr aus: Man wird kurzatmig. Eine Recurrensparese führt neben der Stimmstörung auch zu einer „Belastungsdyspnoe“. Und diese Belastungsdyspnoe ist auch durch eine logopädische Übungsbehandlung nicht wegzubekommen.

Funktionelle Stimmstörungen
Nicht jede Stimmstörung hat organische Ursachen. Es gibt auch „Bedienungsfehler“ des Kehlkopfes. Berufssänger müssen Gesangsunterricht nehmen und Berufssprecher Sprechunterricht. Wenn jemand alle Verhaltensweisen ignoriert, die für eine gute Stimme wichtig sind, wird die Stimme nicht besser werden. Und wenn jemand sogar die richtigen Verhaltensweisen durch falsche ersetzt, dann wird die Stimme sogar schlechter. Der Kehlkopf ist ein Musikinstrument: Man muss üben, damit der Klang gut wird.

Es gibt im Wesentlichen zwei „Fehler“, die die Stimmqualität verschlechtern: Zu wenig Kraft beim Sprechen und zu viel Kraft beim Sprechen. Zu wenig Kraft beim Sprechen („Unterfunktion“, „hypofunktionelle Dysphonie“) – das kann ein Problem sein! Wenn man nach einer längeren Krankheit körperlich geschwächt ist, dann steht für einen kraftvollen, sonoren Stimmklang einfach nicht genug Kraft zur Verfügung. Dann schließen die Stimmbänder nicht mehr vollständig und dann sind Atemdruck und Atemvolumen zu gering. Die kraftlose Stimme kennt jeder, zumindest vom Zuhören: Es wird die non-verbale Botschaft vermittelt „Ich bin krank und schwach“. Sollte der Körper jedoch nicht zu schwach sein, sondern nur die Stimme, dann besteht die Möglichkeit, unter Anleitung einer Logopädin oder eines Logopäden eine Übungsbehandlung für die Stimme durchzuführen. So wie sich jeder Muskel durch sportliche Betätigung kräftigt, so tun das auch die Kehlkopfmuskeln. Aber bitte nicht ohne Anleitung eine Therapie in Eigenregie durchführen! Man kann dabei das eine Übel durch ein anderes Übel ersetzen.

Das andere Übel: Das ist, wenn man beim Sprechen zu viel Kraft einbringt („Überfunktion“, „hyperfunktionelle Dysphonie“) . Die Stimmlippen werden dann zu kräftig zusammengepresst und die Öffnungsphase ist zu kurz, während die Schlussphase zu lang ist. Gleichzeitig wird der Atemdruck erhöht. In der Folge klingt die Stimme dann gepresst und rau. Wenn eine hyperfunktionelle Dysphonie lange besteht, können sich Stimmbandknötchen entwickeln, die manchmal sogar eine Operation erfordern. Zur Behandlung einer Überfunktion muss man praktisch immer die Hilfe einer Logopädin oder eines Logopäden in Anspruch nehmen. Es hilft nicht viel weiter, wenn in einem „Anleitungsbuch zur Selbsthilfe bei Stimmstörungen“ stehen würde „Lockern Sie Ihren Musculus vocalis“. Niemand wüsste, wie das zu bewerkstelligen ist. Die Kehlkopfmuskulatur ist eben nicht vom Gehirn einzeln und willkürlich ansteuerbar. Beim Bizeps ist das anders. Ich kann mich frei entscheiden, jetzt meinen Unterarm zu beugen. Für die Kehlkopfmuskulatur braucht man die „Bedienungsanleitung“ durch die Profis. Aber bitte bedenken Sie: Es hilft nicht viel, wenn man einmal pro Woche unter Anleitung für 45 Minuten richtig spricht und dann den Rest der Woche wieder in die alten und falschen Sprechgewohnheiten verfällt! Man muss die gelernten Lektionen sofort in die alltägliche Stimmerzeugung übernehmen. Mit anderen Worten: Wie in der richtigen Schule müssen Sie auch bei einer logopädischen Therapie Ihre Hausaufgaben erledigen.

Sie sehen, dass der Kehlkopf ein sehr wichtiges und interessantes Organ ist. Er funktioniert als Ventil und schaltet zwischen Atmen, Sprechen und Schlucken um und er ist ein wichtiges Kommunikationsorgan, ja sogar ein Musikinstrument, das nicht nur verbale, sondern auch non-verbale Informationen – Stimmungen eben – mitteilt.

Passen Sie auf Ihren Kehlkopf gut auf. Überfordern Sie ihn nicht. Aber auch Unterfordern ist nicht gut. Wie wäre es, wenn Sie mal wieder singen würden? Singen mit guter Stimme hebt sofort die Stimmung und die gute Laune. Dass Rauchen nicht gut ist für den Kehlkopf, muss ich eigentlich nicht mehr erwähnen, oder? Und wenn Sie eine Kehlkopfentzündung haben, dann halten Sie mal eine „Kehlkopf-Diät“ mit den fünf „Nicht“ ein: Nicht zu heiß essen, Nicht zu kalt trinken, Nicht zu scharf würzen, Nicht zu viel reden und Nicht rauchen.

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