Gibt es das auch in grün?

Eine beliebte Frage! Na ja, „grün“ muss es ja nicht gerade sein, aber eben vielleicht „anders“? Die eigentliche Frage lautet: Gibt es Alternativen?

Alternativen gibt es eigentlich immer. Man kann mit dem Auto in Urlaub fahren. Oder mit der Bahn. Mit Flugzeug oder Schiff. Bei gleichem Urlaubsort unterscheiden sich die Alternativen in der Reisedauer, den Kosten, dem Komfort und den Spaß beim Reisen. Man muss abwägen und dann entscheiden.

Alternativen gibt es eigentlich nicht immer! Angesichts des Klimawandels und des Kohlendioxidproblems hätte ich gerne ein Auto, dass mit Wasser fährt, anstatt mit Sprit! Warum bietet mir niemand diese Alternative? Das grenzt nachgerade an Unverschämtheit! Auch mein Fernseher soll keinen elektrischen Stecker mehr haben, sondern einen Gardena-Anschluss! Ist das etwa zu viel verlangt?

Wenn Sie jetzt lachen, finde ich das gut! Das hatte ich erhofft!

Gestatten Sie mir, dass auch ich lache, wenn mir jemand sagt: „Ich möchte kein Antibiotikum von Ihnen. Ich möchte Kügelchen!“

So wie Wasser das Benzin nicht ersetzt, so können Globuli (lat. „Globus“ ist die Kugel – auch die Erdkugel, „Globulus“ ist die Verkleinerungsform und „Globuli“ die Pluralform der Verkleinerungsform „Kügelchen“) die „richtige“ Medizin nicht ersetzen! Homöopathie und ihre Untergruppen „Komplexhomöopathie“, „Impulshomöopathie“, „Neue Homöopathie“, „Anthroposophie“, „Bachblüten“, „Schüssler-Salze“ etc. pp. sind keine Alternativen zur wissenschaftlichen Hochschulmedizin! Sie können es nicht sein, weil ihre Ansprüche in der realen Welt nicht realisierbar sind! Es tut mir Leid – aber die Natur verhandelt nicht über ihre Gesetze! Wir Menschen können Naturgesetze nicht machen und nicht ändern. Wir können sie entdecken. Wir haben entdeckt, dass Wasser kein Energielieferant für Autos ist. Deshalb nehmen wir Sprit. Ändern können wir das nicht. Wir haben auch entdeckt, dass man Informationen nicht in Wasser speichern kann, sondern in Festplatten (Sticks, CDs, DVDs o. ä.) oder – das Leben bedient sich dieser Methode – in DNA. Ändern können wir das nicht. Wenn man Informationen in Wasser speichern könnte: Ob die Evolution dann wohl die DNA hervorgebracht hätte?

Oh, es gibt natürlich Alternativen innerhalb der wissenschaftlichen Hochschulmedizin! Vor 40 Jahren hat man große Unsicherheiten hinnehmen müssen bei den Ultraschall- oder Röntgenuntersuchungen. Inzwischen gibt es viel bessere Alternativen: Computertomographie (CT) und Kernspintomographie (MRT) sind große Fortschritte. Aber eigentlich sind es keine Alternativen mehr, denn sie haben die alten und unsicheren Verfahren ersetzt! Vor 20 Jahren musste man bei einem Magengeschwür eine OP durchführen. Heute gibt man hochwirksame Medikamente. Aber auch die Medikamente sind heute keine Alternative mehr. Sie sind zum Standardverfahren geworden!

Die wissenschaftliche Hochschulmedizin ist offen für jedwede Verbesserung! Wenn Verfahren entwickelt werden und diese Verfahren ihre Überlegenheit beweisen, dann werden sie angewendet! Wir Mediziner warten aber nicht nur darauf, bis uns solche tollen Möglichkeiten in den Schoß fallen! Nein, wir suchen gezielt danach. Verbesserungen in Diagnostik und Therapie: Das ist aufwändige Forschung! Da sind alle naturwissenschaftlichen Disziplinen beteiligt: Physik, Chemie und Biologie und die angewandten Fächer Physiologie und Biochemie und noch mehr… Die Mathematik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Alle bildgebenden Verfahren sind auf die Mathematik angewiesen. Aber auch so scheinbar einfache Dinge wie „Beobachtungen“ kommen ohne Mathematik nicht aus: Die Frage, „Was ist Zufall? Was ist Wirkung?“ ist ohne höhere Statistik fast nie zu beantworten.

Die gute Nachricht: Die Forschung in der Medizin wird fortgesetzt. Die schlechte Nachricht: Wir werden vermutlich niemals alle Krankheiten heilen können! Wir sind nicht unsterblich. Es gibt Schicksalsschläge.

Jeder von uns wünscht sich, dass schlimme Schicksale nicht eintreten. Und wenn sie eintreten, dass man gut und schnell wieder herauskommt. Der Wunsch ist verständlich!

Aber der Wunsch ist nicht wirksam! Ein Wunsch nach Hilfe schafft keine Hilfe! Ein Wunsch nach einer Behandlungsmöglichkeit schafft keine Behandlungsmöglichkeit! Auch nicht, wenn Ihnen jemand genau dieses verspricht und dafür kassiert! Die angebotenen „Alternativen Behandlungen“ sind keine Alternativen! Könnten sie ihre Wirkungen belegen, gehörten sie längst zum Fundus der anerkannten hochschulmedizinischen Verfahren. Wer sich für „Alternative Verfahren“ entscheidet, der entscheidet sich für eine Zufalls-Therapie (das ist gleichbedeutend mit Nicht-Therapie) und gegen ein Verfahren mit hohen – wenn auch leider nicht hundertprozentigen – Erfolgsquoten.

Prof. Edzard Ernst, in Deutschland geborener britischer Medizinprofessor, hat jahrelang als homöopathisch tätiger Arzt gearbeitet. Dann ist er an der Universität Exeter (England) zum Leiter des Institutes für „Komplementäre Medizin“ ernannt worden. Und hat geforscht. Er wollte nachweisen, dass Homöopathika Wirkungen haben. Es ist ihm nicht gelungen! Seine Ergebnisse: Homöopathika haben keinerlei Wirkungen! Seine Ergebnisse sind in England – namentlich bei dem eingefleischten Homöopathie-Freak und Thronfolger Prinz Charles – auf massive Ablehnung gestoßen! Prinz Charles hat dem Rektor der Universität Exeter aufgetragen, Prof. Ernst abzusetzen. Zu einer Entlassung ist es zwar nicht gekommen, aber Prof. Ernst darf an der Universität Exeter nicht mehr viel sagen, was der Preis dafür war, dass zumindest das Institut nicht geschlossen wurde! Prinz Charles ist in England ein mächtiger Mann! Er mag Macht haben über Anstellungsverträge! Aber er kann trotz aller Macht Homöopathika nicht wirksam machen! Könnte er es, hätte er nicht zum Mobbing greifen müssen…

Was ist „human“? Bei schlimmen Erkrankungen die erwiesenermaßen bestmöglichen Behandlungen anzubieten? Oder ungeprüfte – billige! – alternative Verfahren, die nicht mehr können, als Spontanheilungen zulassen, teuer zu verkaufen?

Und was bitteschön, soll gut daran sein, wenn man wirksame Verfahren mit unwirksamen kombiniert? Also verwässert? Sollen wirksame Verfahren höhere Wirkungen entfalten, wenn sie mit unwirksamen kombiniert werden? Was soll das Gerede von „komplementärer Medizin“? Das Gerede vom „sowohl – als auch“?

Was also ist so schlecht an der Humanmedizin, dass Sie „Alternativen“ wollen?

 

Siehe auch Alternativmedizin und Klartext über Homöopathie.

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Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Vahle,

    diese Anrede ist ausnahmsweise keine leere Floskel. Danke für Ihre klare Ansprache. Ich wünschte, ich wüßte in meiner Nähe auch einen Mediziner, der so klar und unmissverständlich auf wissenschaftlicher Basis arbeitet. Und nicht, selbst wenn er mir – ich bin Chemiker – evidenzbasiert entgegentritt, doch andererseits einigen esoterischen Mist an die Patienten bringt. Ich wünsche Ihnen, daß Sie nicht auch eines Tages aus wirtschaftlichen Erwägungen gezwungen sind, Quacksalberei mitzubetreiben.

    • Herzlich willkommen! Und herzlichen Dank für Ihr Kompliment!

      Ich darf Sie beruhigen: Mich bringen auch wirtschaftliche Erwägungen nicht zur Quacksalberei! Das gute Gefühl, ohne Ekel morgens in einen Spiegel schauen zu können, ist unbezahlbar!

      Ich gebe zu, dass ich schon einige Male angefeindet worden bin. Man hat schon öffentlich vermutet, ich hätte beim Schreiben meiner Texte unter „akuter Weinfassbeleuchtung“ gelitten! Peinlich für den Mutmaßenden war, dass es ihm nicht gelungen ist, mein angebliches „Suffgelalle“ zu widerlegen! – Mit meiner Einstellung habe ich auch mindestens einen Patienten derart verprellt, dass er nicht mehr wieder gekommen ist! Statt dessen hat er mir – anonym! Feigling! – einen Zettel hereingereicht, dass ich sein Arzt nicht mehr sein könne, da ich ja nicht „über den Tellerrand“ schauen könne.

      Andererseits erlebe ich gerade in letzter Zeit langsam wachsenden Zuspruch! Ich glaube, die evidenzbasierte, wissenschaftliche Hochschulmedizin wird langsam wieder an Attraktivität gewinnen! Es keimt Hoffnung auf …

  2. Hallo Herr Dr. Vahle,

    im Grundsatz teile ich Ihre Auffassung, dass Behandlungsmethoden mit hohen Erfolgsquoten nicht falsch sein können. … Eigentlich! …
    Zwei Faktoren wirken dem entgegen, dass dem Schulmediziner blind vertrauen werden darf:
    1. Die Macht der Gewohnheit (die „das hat man immer schon so Gemacht“-Mentalität)
    2. Investitionskosten

    Oft bemerke ich, dass Kompetenzen aus verschiedensten Berufszweigen mit der Zeit „lernfaul“ werden und so Ihre Tätigkeit mit einem Wissensstand ausüben, der immer weniger den aktuellen Möglichkeiten entspricht. Diese Lernfaulheit macht leider auch vor Medizinern nicht halt.
    Selbst wenn die Lernfaulheit nicht siegt, so werden dann doch mal über den Daumen gepeilt über 80% der Patienten, Kunden, etc. „nur zweitklassig“ (mal jammern auf hohem Niveau ) versorgt und behandelt, weil die Anschaffungskosten des technischen Equipments so enorm sind, dass viele Kompetenzen auf „altbewährtes“ greifen. Leider kann somit aber auch die Versorgung auf dem neuesten technischen Stand nicht gewährleistet werden.

    Oft übernehmen junge Mediziner die (alten) Gerätschaften von geschlossenen oder aufrüstenden Praxen und praktizieren dann viele Jahre „technisch altbacken“. Selbst neu angeschafftes Equipment entspricht kostenbedingt oft nicht dem neuesten technischem Stand, wird aber dann für viele Jahre / Jahrzehnte im Einsatz sein.
    Meist sind nur einige Uni-Kliniken oder Privatarztpraxen technisch so ausgestattet, dass sie die Behandlungen nach neuesten Erkenntnissen und Möglichkeiten bieten können. Darauf haben aber nicht die meisten Menschen Zugangsmöglichkeiten.
    Beispielsweise wird aus Kostengründen immer noch viel zu oft geröntgt, obwohl bessere und verträglichere „Alternativen“ schon lange vorhanden sind.

    Kurz gesagt:
    Es gibt es auch in der Schulmedizin alternativen und es sollte nicht immer auf nur eine Meinung und auf das Wissensspektrum eines Einzelnen vertraut werden.

    Beste Grüsse

    • Sehr geehrte Frau – Sehr geehrter Herr …

      Vielen Dank für Ihren Diskussionsbeitrag.

      Sie haben „ein bisschen“ Recht, aber auch „ein bisschen“ Unrecht!

      Zunächst mal ist „blindes Vertrauen“ nur sehr selten gerechtfertigt. Aber Sie sprechen vom Vertrauen „in den Schulmediziner“ und ich spreche von „der Medizin“ (als Lehre). So, wie es auch Priester gibt, die sündigen und Polizisten, die klauen oder morden, so gibt es auch Ärzte, die sich abweichend von der medizinischen Lehre verhalten. Welche Gründe dafür ausschlaggebend sind, kann man hier sicher nicht abschließend diskutieren. Sie nennen zwei Gründe: Gewohnheit und fehlende Investitionen. Die Gründe mögen richtig sein, sind aber m. E. nicht die einzigen.

      Ihre Aussagen enthalten Verallgemeinerungen („oft“, „häufig“, „meist“, „mal über den Daumen gepeilt 80 %“), die ich für problematisch halte. Ich kann nicht behaupten, dass nur Universitätskliniken technisch gut und die Praxen niedergelassener Mediziner hingegen technisch immer schlecht ausgerüstet sind! Ich glaube eher, dass schlechte Ausstattungen die Ausnahme sind. Aber ich kenne auch nur meinen Bekanntenkreis – insofern ist meine Vermutung auch unbelegt.

      Dass es Alternativen innerhalb der wissenschaftlichen Hochschulmedizin gibt, hatte ich – siehe den Beitrag oben – bereits erwähnt. Das sind nicht die „Alternativen“, die von den Wissenschaftsverweigerern angeführt werden. Die Alternativen innerhalb der wissenschaftlichen Hochschulmedizin sind natürlich wissenschaftliche Hochschulmedizin!

      Wenn es aber so ist, dass wissenschaftliche Hochschulmedizin nicht überall zur Verfügung steht – aus welchen Gründen auch immer (Personalmangel, Geldmangel und in der Folge Investitionsstau, „Lernfaulheit“ wie Sie es nennen) –, dann kann die Konsequenz aber doch nicht sein, dass man sich „alternativen Heilern“ und Wissenschaftsverweigerern zuwendet, sondern einen Arzt sucht, der nach den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Hochschulmedizin handelt! Vielleicht muss man dann etwas weiter fahren oder größere Anstrengungen auf sich nehmen …

      Wenn ich mir ein Auto nicht leisten kann, dann verteufle ich alle Autos und lege mir einen Teppich zu, von dem der Verkäufer behauptet, dass er fliegen kann???

      Dass die wissenschaftliche Hochschulmedizin nicht flächendeckend zur Verfügung steht, bedaure ich – und ich denke, dass ich da stellvertretend auch für „die Medizin“ sprechen darf. Die Bereitstellung wissenschaftlicher Hochschulmedizin ist keine Aufgabe der wissenschaftlichen Hochschulmedizin, sondern der Gesundheitspolitik.

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