Fragen aus Foren: Sprechprobleme nach Polypenentfernung

In diversen Foren – hauptsächlich im Kidmed-Forum – sind mir schon viele Fragen zur HNO-Medizin gestellt worden. In Foren beantworte ich die Fragen unter dem Namen „wovapa“ (Wolfgang Vahle, Paderborn). In unregelmäßiger Folge werde ich einige Fragen und meine Antworten – bearbeitet und ergänzt – in dieser Kolumne veröffentlichen.

Frage:
Ich bin eine zurzeit etwas verwirrte Mutter! Meinem Sohn wurden vor 10 Tagen die Polypen entfernt sowie Paukenröhrchen in beide Ohren eingesetzt. Es lief alles auch völlig problemlos. Bei der Nachuntersuchung nach drei Tagen war der HNO zufrieden. Am 6. Tag begann mein Sohn allerdings plötzlich sehr stark durch die Nase zu sprechen. Gibt es Kinder, die diese Paukenröhrchen nicht vertragen (Allergie)? Oder gibt es andere Ursachen, warum man durch die Nase spricht?

 

wovapa:
Es gibt zwei unterschiedliche Arten des Näselns: das geschlossene Näseln („Rhinophonia clausa“) und das offene Näseln („Rhinophonia aperta“).

Um zu verstehen, was da passiert, muss man erst mal wissen, was sich beim Sprechen, bei der Bildung der Laute abspielt. Die Laute werden ja im Mund auf unterschiedliche Arten erzeugt. Eine wichtige Lautgruppe sind die „Klinger“. Zu dieser Gruppe gehören z. B. die Laute /m/ und /n/. Übrigens: Man schreibt die Laute in Schrägstrichen, um sie von Buchstaben zu unterscheiden! Buchstaben kann man schreiben und lesen, Laute kann man sprechen und hören. „S“ – „c“ – „h“ sind drei Buchstaben, /sch/ ist aber nur ein Laut – zum Beispiel am Anfang des Wortes „schön“.

Beim Klingen der Laute /m/ und /n/ ist der Mund geschlossen. Die Luft muss also durch die Nase entweichen. Ist die Nase verstopft – dann kann man keine Klinger bilden. Probieren Sie es mal aus: Halten Sie sich die Nase zu und versuchen Sie, ein /m/ zu sprechen! Sehen Sie? Das geht nicht! Wenn Sie mit zugehaltener Nase sprechen, „produzieren“ Sie ein geschlossenes Näseln („Stockschnupfen“).

Eine andere wichtige Gruppe sind die Platzlaute („Plosive“) – hierzu gehören /p/ und /b/, aber auch /t/ und /d/ sowie /k/ und /g/ – jeweils in stimmloser und stimmhafter Version. Bei den Lippenplatzlauten kann man das sehr schön demonstrieren: wenn Sie ein /p/ sprechen wollen, dann müssen Sie erst mal die Wangen aufpusten, bis endlich die Lippen auseinanderplatzen. Wenn man also für die Aussprache der Plosive einen Überdruck im Mund erzeugen muss, dann darf die Luft durch die Nase nicht entweichen! Mit einem „Leck“ in der Nase kann man keine Platzlaute zustande bringen! – Platzlaute mit zugehaltener Nase sind natürlich kein Problem! –

Beim Singen des /a/-Lautes

Versuchen Sie es mal: sprechen Sie mal „Paaapaaapaaapaaa“ mit ganz langgezogenem /a/! Es klingt nur, wenn Sie das /a/ sprechen. Beim /p/ wird der Luftstrom und der Klang kurzfristig unterbrochen.

Wie kann man sprechen, wenn in einem normalen Satz sowohl Klinger als auch Platzlaute vorkommen? Man kann ja nicht die Nase gleichzeitig freigeben (für die Klinger) und verschließen (für die Platzlaute)!

Nun – die Laute kommen ja nicht gleichzeitig, sondern nacheinander! Man muss also den Luftstrom schnell umschalten können. Das macht das Gaumensegel. Bei Klingern hängt es schlaff herunter, bei Plosiven verschließt es den Nasenrachenraum. In jedem normal gesprochenen Satz springt das Gaumensegel vielfach vor und zurück, blitzschnell und blitzgescheit (es ist immer da, wo es gebraucht wird)!

Wenn nun bei Kindern „Polypen“ im Nasenrachenraum sitzen, hat das Gaumensegel nur wenig „Arbeit“: Es muss nur wenige Millimeter hin und her „flattern“.

Sind die „Polypen“ herausoperiert und der Nasenrachenraum hat sich vergrößert, dann hat das Gaumensegel auf einmal viel zu tun! Dann muss es etwa einen Zentimeter vor- und zurückschwingen. Und wenn dann die Kinder noch Schmerzen am Gaumensegel (OP-Gebiet!) haben, dann nimmt das Gaumensegel schon mal eine „Schonhaltung“ ein. Dann wird es einfach ruhig gestellt und hängt nur noch schlaff herab.

Von dieser Schonhaltung sind also die „Klinger“ nicht betroffen („Mama“ können die Kinder problemlos sprechen), wohl aber die Plosive („Papa“ kommt nur schwer oder gar nicht oder es klingt wie „Mama“).

Kurz und gut: Nach einer Polypenoperation kann sich ein offenes Näseln entwickeln.

Das ist aber immer ein nur vorübergehender Zustand! Die Schmerzen werden aufhören und das Kind wird lernen, den jetzt größeren Nasenrachenraum wirksam mit dem Gaumensegel zu verschließen. Alles wird gut werden!

Man kann auch etwas nachhelfen durch eine „Gaumensegelgymnastik“. Die Kinder sollen dabei mit einem Strohhalm Papierschnipselchen ansaugen und wieder loslassen. Malen Sie kleine Männchen auf Papier und schneiden Sie sie aus (je vier Männchen in je vier Farben). Mit diesen Männchen können Sie „Mensch, ärgere Dich nicht!“ spielen – mit Papierfiguren anstelle der Holzfiguren. Bewegen der Figuren ist nur mit einem Strohhalm erlaubt… Macht Spaß und hilft „heilen“!

Eine andere Möglichkeit ist, dass es nach der OP zu einem neuen Infekt gekommen ist mit geschwollenen Schleimhäuten. Dann wird der Nasenweg wieder eng und die Luft kann bei blockierter Nase nicht mehr hindurch. In solch einem Fall machen die Plosive keine Probleme, wohl aber die Klinger. Eine zugeschwollene Nase führt zu einem geschlossenen Näseln (wie beim Sprechen mit zugehaltener Nase).

Mit einem geschlossenen Näseln hat man keine Probleme mit „Papa“, aber mit „Mama“ (natürlich nur beim Sprechen dieses Wortes). Bei einem offenen Näseln ist es gerad‘ umgekehrt: keine Probleme mit „Mama“, aber mit „Papa“. Wie spricht Ihr Kind denn jetzt? Näselt es offen oder geschlossen?

Das geschlossene Näseln geht übrigens später genauso problemlos wieder weg, wenn die Schleimhautschwellung sich zurückbildet. Nach überstandenem Infekt wird ein geschlossenes Näseln nicht mehr zu hören sein. Während der Infektphase kann man dann durchaus auch mal mit Nasenspray etwas Linderung verschaffen.

Die Paukenröhrchen haben nichts mit dem Näseln zu tun. Eine Allergie gegen Paukenröhrchen ist zwar nicht auszuschließen, aber extrem selten. Ich habe in meinem Berufsleben noch keine derartige Allergie gegen Paukenröhrchen erlebt. Außerdem sind die Paukenröhrchen nicht am Sprechvorgang beteiligt. Mit Paukenröhrchen in den Ohren muss man nicht automatisch „durch die Nase“ sprechen!

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