Fragen aus Foren: Polypenoperation

In diversen Foren – hauptsächlich im Kidmed-Forum – sind mir schon viele Fragen zur HNO-Medizin gestellt worden. In Foren beantworte ich die Fragen unter dem Namen „wovapa“ (Wolfgang Vahle, Paderborn). In unregelmäßiger Folge werde ich einige Fragen und meine Antworten – bearbeitet und ergänzt – in dieser Kolumne veröffentlichen.

Frage:
Unser Kind ist immer krank. Jetzt sollen die Rachenmandeln entfernt werden. Wir haben Angst. Ist der Eingriff eigentlich notwendig? Ist eine Operation und eine Narkose nicht gefährlich? Sollten wir eine 2. Meinung einholen? 

 

wovapa:
„Rachenmandel“, „Polypen“, „Adenoide“: das ist alles dasselbe. Viele Ausdrücke für ein- und dasselbe. Die Rachenmandel sitzt hinter der Nase am Rachendach. Man erreicht sie, wenn man durch den Mund am Zäpfchen vorbei „geht“ und dann direkt nach oben schaut. Das Anschauen der Rachenmandel erfordert einen kleinen Spiegel (einen „Epipharynxspiegel“, weil der Raum, in dem die Rachenmandel sitzt, „Epipharynx“ heißt). Wenn die Rachenmandel sehr groß ist, kann man sie manchmal auch ohne Spiegel sehen, weil sie dann sehr tief nach unten reicht (vom „Epipharynx“ bis fast in den „Mesopharynx“ – Namen sind nicht so wichtig). 

Es gibt im Wesentlichen drei Gründe, die Polypen zu operieren:
1. Eine behinderte Nasenatmung, insbesondere nächtliches Schnarchen oder
2. Häufige Atemwegsinfekte. Die können auch auftreten, wenn die Kinder im infektfreien Intervall nicht schnarchen oder
3. Hörminderungen, insbesondere bei Paukenergüssen, die länger als 3 Monate bestehen.

Für die OP reicht es, wenn einer der drei Gründe vorliegt! Die Gründe müssen nicht alle gleichzeitig vorliegen!

Ein gutes Hörvermögen ist für Kinder im Entwicklungsalter sehr, sehr wichtig! Wenn Ihr Kind keinen Paukenerguss hat, der schon 3 Monate besteht, gut Luft durch die Nase bekommt und selten Atemwegsinfekte hat, muss es nicht operiert werden.

Vielleicht hat Ihr Kind aber einen Paukenerguss, der schon länger als drei Monate besteht und Sie haben es bloß noch nicht gemerkt. Gerade bei einseitigen Ergüssen kann das vorkommen. Es gibt neben den „harten Zahlen“ noch etwas, was man als „Erfahrung des Arztes“ bezeichnen könnte. Es gibt Kinder, die haben noch keine drei Monate einen Erguss – aber ich könnte wetten, dass der Erguss nach drei Monaten nicht weg ist – so wie der aussieht. Und ich hatte bisher immer Recht!

HNO-Ärzte sind nicht „versessen darauf“, um jeden Preis Kinder zu operieren. Wenn ein HNO-Arzt Ihnen eine OP vorschlägt, dann denkt er sich etwas dabei!

Ich kann ja gut verstehen, dass man vor einer Herzoperation eine zweite Meinung einholen will – aber vor einer Polypen-Operation? Ich meine, wie weit will man denn den Aufwand noch treiben für eine Operation, die – wenn sie lange dauert – nach fünf Minuten zu Ende ist und die praktisch keine Komplikationen hat, aber stets gute Ergebnisse und zufriedene Kinder und Eltern?

Es mag Einzelfälle geben, wo eine zweite Meinung sinnvoll ist.

Aber bei Polypenoperationen kann ich nicht allgemeingültig empfehlen, dass alle Eltern grundsätzlich jedes Mal eine zweite Meinung einholen sollen. (Nebenbei bemerkt würde das auch die Kosten im Gesundheitswesen sprengen!). Besser ist: Wer Zweifel hat, möge noch mal nachfragen. Ob unsere Antworten plausibel sind oder nicht: Das kann man auch ohne Medizinstudium entscheiden.

Wenn die Infekte schon lange bestehen und medikamentös nicht beseitigt werden konnten, dann ist die Operation sehr sinnvoll! Es ist in der Tat eine Standard-Operation! Es ist die „normale“ Polypenoperation. Abgesehen davon, dass es ein „Nullrisiko“ nicht gibt, ist das Risiko der Operation sehr klein. Es ist jedenfalls kleiner als das Risiko ständiger Atemwegsinfekte oder einer Hörstörung! Und auch die Narkosen sind sehr sicher! Eine Narkoseärztin oder ein Narkosearzt ist während der ganzen Operation dabei und passt auf! Sie kontrollieren mit Messgeräten ununterbrochen die Herztätigkeit und die Atmung. Es gibt keinen Grund, vor der Narkose Angst zu haben. Aber es wird niemandem gelingen, einem ängstlichen Menschen die Angst auszureden!

Frage:
Können die vielen Infekte nicht durch andere Krankheiten verursacht sein? Vielleicht ein Immundefekt oder eine Allergie? Gibt es eigentlich Alternativen zur Operation? Evtl. eine Paukenröhrcheneinlage? Medikamente? Können Osteopathie oder Homöopathie helfen?

 

wovapa:
Abgesehen davon, dass im Kindesalter Atemwegsinfekte ohnehin sehr häufig sind, ist eine kranke Rachenmandel als Infektionsquelle die wahrscheinlichste und harmloseste Ursache!

Unter die „Käseglocke“ können Sie Ihr Kind nicht setzen. Eine chronische Mandelentzündung ist natürlich auch möglich – aber nicht so harmlos wie eine kranke Rachenmandel! Und die Mandeloperation ist auch etwas aufwändiger als eine Polypenoperation! Man sollte schon darauf achten, dass diese beiden Operationen – wenn sie denn notwendig sind – in der richtigen Reihenfolge durchgeführt werden!

Ein echter Immundefekt ist glücklicherweise selten. Und dann sind meistens nicht nur die Atemwege allein betroffen. Kinder mit echten Immundefekten sind schwer krank! Kinder mit echtem Immundefekt werden üblicherweise in speziellen Zentren stationär behandelt!

Eine Allergie kann keine Rachenmandelvergrößerung hervorrufen – Schleimhautschwellungen wohl schon, aber keine Vergrößerung der Rachenmandel.

Allergien können auch direkt in den tieferen Atemwegen Probleme verursachen – ohne Umweg über die Polypen.

Wenn die Rachenmandel vergrößert ist, sollte man sie entfernen. Und wenn eine Allergie vorliegt, sollte man die Allergie behandeln. Und wenn beides vorliegt, dann sollte man eben auch beides behandeln, weil dann der Erfolg größer ist! Und: man kann eine Rachenmandelvergrößerung nicht „wegspritzen“ und eine Allergie nicht „wegoperieren“! Es gibt also keine „Universalbehandlung“, die mit einer Maßnahme beide Probleme zugleich löst.

Die Polypenentfernung ist die kleinstmögliche Operation! Eine alleinige Paukenröhrcheneinlage beseitigt nicht die Ursache der Infekte, sondern lediglich eine der Folgen.

Wenn die Kinder vom Kinderarzt beim HNO-Arzt vorgestellt werden, ist eine medikamentöse Therapie sicher schon – vielleicht sogar mehrfach – durchgeführt worden. Wenn die Therapie erfolgreich gewesen wäre, hätte niemand eine OP vorgeschlagen!

Alternativen im Bereich der Homöopathie oder Anthroposophie können – und sollten Sie! – ganz schnell vergessen! Da kennt jemand Ihren Wunsch (Gesundheit Ihres Kindes!) und nimmt Geld dafür, dass er verspricht, Ihnen den Wunsch zu erfüllen! Aber es bleiben natürlich leere Versprechnungen… Homöopathie ist nichts als Aberglaube! Otowowen und Euphorbium sind zum Beispiel auch Homöopathika. Ein zweites Mal sollten Sie für sowenig Wasser nicht mehr so viel Geld ausgeben!

Es kommt nur sehr selten vor, dass operative Behandlungsmöglichkeiten durch nicht-operative Behandlungsmöglichkeiten ersetzt werden können. Bei den kranken Polypen ist das definitiv nicht so: die Polypenoperation kann durch nichts ersetzt werden! Es gilt nur „operieren“ oder „tolerieren“. Bedenken Sie aber, dass Sie – falls Sie sich gegen eine OP entscheiden – die Toleranz nicht sich selbst abverlangen, sondern Ihrem Kind, das sich dagegen nicht wehren kann!

Und wie die Osteopathie eine Belüftungsstörung behandeln will, ist mir schleierhaft! Eine zu große Rachenmandel lässt sich nicht durch Bewegungsübungen jedweder Art verkleinern, sondern nur operativ! Alles andere funktioniert nicht.

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