Allergie

Naseputzen: Die lästige Alltagsbeschäftigung der Allergiker

Naseputzen: Die lästige Alltagsbeschäftigung der Allergiker

Das Wesen der Allergie
Wieso wird man eigentlich allergisch? Ist jeder allergisch? Wird jeder allergisch? Und wie wird man eine Allergie wieder los? Spannende Fragen!

Allergien bringt man nicht mit auf die Welt. Allergien sind nicht angeboren: Man „erwirbt“ sie sich.

Allergien sind Störungen in unserem Immunsystem. Jeder Mensch – nein, alle Lebewesen – haben ein Immunsystem. Das Immunsystem hat die Aufgabe, fremde Eindringlinge – seien es andere Lebewesen (Mikroorganismen wie Bakterien, Viren, Pilze, aber auch Einzeller und Parasiten) oder seien es unbelebte Fremdkörper – zu bekämpfen und unschädlich zu machen. Dabei ist das Immunsystem durchaus einer Armee vergleichbar! Das Immunsystem ist hochkomplex und hochkompliziert. Da gibt es sowohl eine unspezifische als auch eine spezifische Abwehr. Die unspezifische Abwehr wirkt von Geburt an schnell und gegen alle Eindringlinge, aber nicht so effizient wie die spezifische Abwehr. Dafür steht die spezifische Abwehr nicht von Geburt an zur Verfügung. Die spezifische Abwehr muss sich erst entwickeln. Das spezifische Immunsystem ist lernfähig. Wenn es einen Eindringling erst einmal kennengelernt hat, dann haben es nachfolgenden Eindringlinge gleicher Sorte enorm schwer, den Körper zu „überfallen“. Meistens wirkt das Immunsystem im Verborgenen, ohne dass wir es spüren.

Zum unspezifischen Immunsystem gehören sogenannte „Fresszellen“ (sie gehören zu den Leukozyten). Nun ja, was sie tun, muss man nicht näher erklären… Zum spezifischen Immunsystem gehört eine „zelluläre Abwehr“ (sogenannte „T-Lymphozyten“ oder „T-Zellen“) und eine „humorale Abwehr“ (das hat nichts mit „Humor“ zu tun – es handelt sich um frei im Blut schwimmende, gelöste Antikörper). Diese Antikörper werden aus den „B-Lymphozyten“ freigesetzt.

Eine detaillierte Aufschlüsselung des Immunsystems würde diesen Aufsatz sprengen, quasi zur Detonation bringen… Die „Landkarten“ der verschiedenen Immunreaktion werden – der Forschung sei Dank! – immer größer und komplexer. Als Patient muss man das nicht alles wissen.

Aber interessant und wichtig ist Folgendes: Die Antikörper gehören zu den sogenannten „Immunglobulinen“, das sind Eiweiße (Proteine). Und von ihnen gibt es verschiedene Typen, die mit Buchstaben bezeichnet werden. Die ersten beiden Buchstaben „Ig“ bedeuten einfach nur „Immunglobulin“, danach kommt ein weiterer, charakteristischer Kennbuchstabe.

Zu den ganz wichtigen Immunglobulinen gehören die „IgG“. Die IgG vermitteln eine ganz normale Immunabwehr. Wie bereits gesagt: Meistens spüren wir von dieser Immunabwehr nichts. Sollte es sich um einen massiven „Angriff“ handeln, dann braucht das Immunsystem zwar etwas länger, aber immer noch eine nur kurze Zeit (auch ein paar Tage sind – im Vergleich zu unserem ganzen Leben – kurz) bis die „Angreifer“ besiegt sind. Bei massiven „Abwehrschlachten“ spürt man die Immunreaktion allerdings schon: Man fühlt sich schlichtweg krank und abgeschlagen. Manchmal hat man dann auch Fieber und Schmerzen. So unangenehm es auch werden kann: Normalerweise wird das Immunsystem in kurzer Zeit mit den Eindringlingen „fertig“.

Wenn Eindringlinge unseren Körper aber nur in winzigen Mengen „besuchen kommen“, dann kann es sein, dass das normale Abwehrsystem – das „IgG-vermittelte Immunsystem“ – nicht „lernen“ kann. Dann „springt“ ein anderes – ein paralleles – Immunsystem „an“. Das parallele Immunsystem wird über andere Immunglobuline vermittelt, nämlich um Immunglobuline vom Typ „IgE“. Und diese „IgE-vermittelte Immunantwort“ bezeichnet man als „Allergie“. In dem Wort „Allergie“ steckt der gleiche Wortstamm wie im Wort „parallel“. – Fremdsubstanzen, die Allergien auslösen, nennt man „Allergene“.

Copyright: Fotolia - ZerborDie IgE führen zu verschiedenen unangenehmen Reaktionen im Körper. Eine wichtige Reaktion ist: Die sogenannten „Mastzellen“ werden veranlasst, das in ihrem Inneren gespeicherte Gewebshormon „Histamin“ freizusetzen. Histamin macht die unangenehmen Reaktionen in der Haut und Schleimhaut wie z. B. Schwellung, Juckreiz, Niesen, Augentränen, Naselaufen…

Symptomatische Behandlung
Die einfachste Behandlung ist die „Allergenkarenz“. Man vermeidet es einfach, sich einer Belastung mit Allergenen auszusetzen. Keine Allergene, keine allergische Reaktion. – Nun ja, nicht jeder kann Allergene vermeiden. Als unterstützende Maßnahme kommt das manchmal in Frage: Wer gegen Katzen allergisch ist, sollte sich keine anschaffen. Aber was ist, wenn man schon eine hat? Man kann auch sein eigenes Bett gegen Milben abdichten („Encasing“), aber was ist im Urlaub im Hotel? Oder im Krankenhaus? Die Allergiekarenz soll an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber aufgeführt werden.

Medikamentös gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man diese unangenehmen Reaktionen behandeln kann. Es gibt zum Glück Medikamente, die das Histamin gewissermaßen abfangen und unwirksam machen. Medikamente, die so etwas machen, heißen „Antihistaminika“. Sie sind wirksam, haben aber auch Nebenwirkungen. „Müdigkeit“ ist z. B. eine berühmte Nebenwirkung. Die „alten“ Antihistaminika machen mehr müde, die „neuen“ Antihistaminika aus der jüngsten Forschung machen weniger müde und sind stärker wirksam. „Histamin“ und „Anti-Histaminika“ sind Gegenspieler.

Alle Antihistaminika haben einen Vorteil. Und alle haben einen Nachteil.

Der Vorteil ist: Sie wirken bei jeder Allergie. Sie wirken immer. Man muss nicht wissen, wogegen man allergisch ist: Antihistaminika sind unspezifisch wirksam und damit „Generalisten“.

Der Nachteil ist: Das Histamin verschwindet nicht für den Rest des Lebens aus dem Körper. Wenn das Antihistaminikum vom Körper ausgeschieden wurde, dann kann das von den Mastzellen erneut freigesetzte Histamin wieder völlig ungehindert sein „böses Spiel“ treiben. Antihistaminika haben keine Dauerwirkung. Sie wirken lediglich „symptomatisch“ und zeitlich befristet. Antihistaminika haben keine „Heilwirkung“. Sie „knüppeln“ lediglich die Symptome nieder.

Mit Antihistaminika kann man sich schnell und wirksam helfen. Als Dauerbehandlung sind sie aber nicht gut geeignet.

Dann gibt es Medikamente, die setzten einen Schritt früher an. Diese Medikamente (Abkömmlinge der „Cromoglycinsäure“) stabilisieren die Mastzell-Membranen, sodass die Mastzellen ihren Inhalt – das gespeicherte Histamin – nicht mehr ausschütten können. Diese Medikamente wirken aber genauso unspezifisch und symptomatisch wie die Antihistaminika. Nach Absetzen der Medikamente werden die Mastzellmembranen wieder durchlässig und die Beschwerden kommen wieder zurück. Diese Medikamente machen nicht so müde, haben aber als Nachteil, dass die Wirkung nur langsam einsetzt (es dauert seine Zeit, bis die Zellmembran stabil geworden ist). Dafür lässt die Wirkung nach Absetzen der Medikamente nicht so schnell nach (es dauert seine Zeit, bis die Zellmembran wieder durchlässig geworden ist). Dieser Nachteil lässt sich in dem Begriff „schlechte Steuerbarkeit“ zusammenfassen.

Ursächliche Behandlung
Schön wäre es, wenn es Möglichkeiten gäbe, Allergien zu heilen. Schön ist, dass es zumindest Möglichkeiten gibt, allergische Beschwerden dauerhaft unter eine – sogar relativ geringe – Toleranzschwelle zu drücken!

Der Schlüssel für den Erfolg liegt in der Dosis. Allergene in niedrigen Dosen lösen Allergien aus. Eine „unterschwellige“ Dosis ist wie ein „leichtes Kitzeln mit einer Feder“: Der Juckreiz kann unerträglich werden. Eine hohe Dosis jedoch ist wie ein derbes „Kratzen“: Der Juckreiz verschwindet. Im Immunsystem passiert folgendes: Die T-Zellen schalten unter hohen Allergendosen um und produzieren anstatt der IgE nunmehr IgG: Man nennt das einen „T-Zell-Switch“. Wenn die T-Zellen diesen „switch“ gelernt haben, ist die Allergie „vorbei“. Na ja, „vorbei“ und „geheilt“ sind heere und hochanspruchsvolle Vorhaben. Einen „hundert-komma-null-null-null-prozentigen“ Erfolg wird man nie erzielen können. Für die genannte Allergiebehandlung mit Dauererfolg haben wir den alten Namen „Desensibilisierung“ (Herabdrücken der Sensibilität auf Null) verlassen und verwenden nun den Namen „Hyposensibilisierung“ (Herabdrücken der Sensibilität auf etwas oberhalb der Null). Heutzutage verwenden wir den Begriff „Spezifische Immuntherapie“ („SIT“). In diesem Begriff tritt auch die Nähe zu den Impfungen zu Tage! Tatsächlich sprechen wir auch manchmal von „Allergieimpfungen“!

Die Behandlungsmethode ist im Prinzip sogar relativ einfach. Die Schwierigkeiten liegen im Detail.

Birkenwald

Birkenwald

Erstens: Die Behandlung ist nicht mehr unspezifisch, sondern spezifisch. Das heißt: Für jede Allergie gibt es ein eigenes „Therapie-Allergen“. Therapie-Allergene der Sorte „Frühblüher“ wirken nicht gegen Allergien auf Gräser. Therapie-Allergene der Sorte „Frühblüher“ wirken nur gegen Frühblüherallergien. Und umgekehrt kann man Frühblüherallergien nur mit Therapieallergenen der Sorte „Frühblüher“ behandeln.

 

Voraussetzung für die SIT: Allergietest
Diese Spezifität ist der Grund dafür, dass wir eine genaue Allergiediagnostik durchführen müssen, bevor wir mit der Therapie beginnen können. Wir erinnern uns: Um ein Antihistaminikum („Generalist“) einnehmen zu wollen, benötigt man keinen Allergietest!

Für den Allergietest wiederum benötigt man „Test-Allergene“. Test-Allergene sind keine Therapie-Allergene! Um das zu verstehen, muss ich ein wenig ausholen. Allergene sind meistens hochkomplexe und große Eiweißmoleküle. Diese Moleküle haben unterschiedliche Regionen – so wie die Erdkugel Kontinente hat. Die Regionen auf dem Allergen-Molekül heißen nun nicht „Kontinent“, sondern „Epitop“. Es gibt Epitope, die lösen die krankhafte IgE-vermittelte Allergiereaktion aus („allergene Epitope“). Und es gibt Epitope, die führen zum T-Zell-Switch und damit zur erwünschten IgG-vermittelten Immunantwort („immunogene Epitope“). Ein Test-Allergen muss natürlich allergene Epitope aufweisen – sonst bekommt man keine verräterische Reaktion, die wir für die Diagnosestellung so dringend benötigen.

Wie läuft so ein Allergietest eigentlich ab? Da es verschiedene Allergietypen gibt, gibt es auch unterschiedliche Testverfahren. In der HNO-Heilkunde haben wir es mit Allergien im Bereich der Atemwegs-Schleimhäute zu tun. Und deshalb möchte ich mich auf diese Allergien – man nennt sie „Allergien vom Sofort-Typ“ oder auch „Typ I Allergien“ – beschränken.

Der entsprechende Allergietest wird als „Prick-Test“ an der Haut durchgeführt (bei Hautallergien vom „Spät-Typ“ muss man einen „Epicutan-Test“ durchführen – aber das machen die Hautärzte). Pricktest heißt: Es wird ein kleiner Tropfen des Testallergens auf die Haut gebracht und mit einer kleinen Lanzette in die oberste Hautschicht gepiekst. Keine Angst: Es tut nicht weh. Und es blutet auch nicht. Wenn eine Allergie vorliegt, dann entwickelt sich nach etwa 20 Minuten eine Schwellung mit Rötung: eine „Quaddel“. Je heftiger die Allergie, desto größer die Quaddel. Um die Quaddel überhaupt einschätzen zu können – Größe und Rötungsgrad sind durchaus bei jedem Menschen anders! – benötigen wir 2 Vergleichstests. Ein Pricktest-Punkt wird mit Histamin durchgeführt. Sie erinnern sich: Es ist das Gewebshormon, das bei einer Allergie ausgeschüttet wird und die allergische Reaktion „produziert“. Wenn wir nun direkt Histamin in die Haut quaddeln – ohne „Umweg“ über die Allergie-Reaktionen –, dann muss die Reaktion positiv (also „allergie-anzeigend“) sein. Ein zweiter Pricktest-Punkt wird mit einfacher Kochsalzlösung durchgeführt. In Kochsalzlösung ist kein Allergen enthalten. Die Reaktion muss negativ sein. Wenn diese beiden Voraussetzungen nicht erfüllt sein sollten, dann wäre das Testergebnis nicht zu gebrauchen.

Nun gehen wir mal davon aus, dass diese Voraussetzungen vorlagen und das Testergebnis korrekt ermittelt wurde. Dann zeigt eine Quaddel an, dass Histamin ausgeschüttet wurde. Und als Ursache kann nur das Allergen in Frage kommen. Also: Bei einer positiven Reaktion liegt – ja, was liegt dann eigentlich vor? Eine Allergie? Nicht unbedingt! Zunächst einmal liegt dann nur eine positive Hautreaktion vor!

Wir dürfen nämlich nicht vergessen, dass unser Testorgan, die Haut, nur ein „Nebenkriegs-Schauplatz“ ist! Wir HNO-Ärzte sind ja den Schleimhautallergien auf der Spur! Und da ist es keineswegs selbstverständlich, dass eine positive Hautreaktion automatisch eine Schleimhautallergie anzeigt!

Eine Allergie ist nämlich – wie bereits gesagt – eine spezifische Reaktion. Es ist eine „Schlüssel-Schloss-Reaktion“. Zu jedem Schlüssel passt genau eine Sorte Schlösser. Und zu jedem Schloss passt genau eine Sorte Schlüssel. Wir unterstellen gerne automatisch, dass „Schlösser“, die in der Haut vorkommen, auch in der Schleimhaut vorkommen. Und so glauben wir an eine Schleimhautallergie, wenn ein Hauttest ein positives („allergie-anzeigendes“) Ergebnis liefert. Meistens liegen wir damit ja auch richtig. Aber eben nicht immer!

Die Pricktests an der Haut haben eine hohe Zuverlässigkeit hinsichtlich der Diagnosestellung, aber eben keine hundertprozentige Zuverlässigkeit! Negative Ergebnisse sind meistens „richtig negativ“, selten aber auch mal „falsch negativ“! Und positive Ergebnisse sind meistens „richtig positiv“, selten aber auch mal „falsch positiv“! Wie entkommen wir dem Dilemma? Nun, außer dem Pricktest ist noch die Anamnese (Krankengeschichte) wichtig. Schlicht gesagt: Es muss der Beschwerdekalender zum Blühkalender passen. Wenn beim Pricktest eine Quaddel auf Birkenallergene entsteht, dann kommt es darauf an: Sind im April (Blütezeit der Birke) allergische Beschwerden der Nase (aller Schleimhäute des Atemsystems) vorhanden oder nicht? Wenn ja, liegt eine allergische Schleimhauterkrankung gegen Birkenallergene vor. Wenn nein, dann nicht.

Hausstaubmilbe

Hausstaubmilbe (Rasterelektronenmikroskop)

Probleme bereiten jetzt nur noch die Hausstaub-Milben. Milben haben nämlich keinen „Blühkalender“! Milben kommen praktisch immer und überall vor. Um die Pricktest-Verdachtsdiagnose zu beweisen oder zu widerlegen, müssen wir uns eines Tricks bedienen. Wir sprühen die Milbenallergene (nicht die lebenden Tierchen selbst) in die Nase – also auf die Schleimhaut und damit direkt auf das sogenannte „Erfolgsorgan“). Bei einer Schleimhautallergie gegen Milben schwillt dann die Schleimhaut an und die Nase wird – messbar – enger. Liegt keine Schleimhautallergie vor, dann reagiert die Nasenschleimhaut nicht und der Atemwegswiderstand bleibt unverändert. Diesen „Trick“ nennen wir: „nasalen Provokationstest“. Wir provozieren also die Nase selbst und schauen, wie sie reagiert.

Für alle diese Testungen benutzen wir – wie bereits oben erwähnt – die „Test-Allergene“ – also Moleküle mit „allergenen Epitopen“.

Spezifische Immuntherapie SIT
Für die Therapie sind solche allergene Epitope jedoch völlig unerwünscht – da brauchen wir die immunogenen Epitope. Auf natürlichen Allergenen kommen immer beide Typen vor. Aber: Es ist den Medikamentenherstellern gelungen, aus den natürlichen Allergenen die allergenen Epitope herauszuschneiden und die immunogenen Epitope zu belassen. Das war eine große Leistung! Erst mit diesen „maßgeschneiderten“ Molekülen sind wir in der Lage, die Hyposensibilisierung durchzuführen ohne gravierende Nebenwirkungen! Mit natürlichen Allergenen könnten wir niemals die erforderlichen hohen Dosierungen erreichen; die Nebenwirkungen wären schon bei viel zu niedrigen Dosen viel zu stark.

Erst jetzt, da uns die erforderlichen Therapieallergene zur Verfügung stehen, können wir mit der Behandlung beginnen. Wir müssen jetzt „nur noch“ die Therapieallergene in den Körper bekommen. Und wir sollten nicht gleich mit der höchsten Konzentration beginnen: Man weiß ja nie! Es kann immer noch sein, dass – trotz des Herausschneidens der allergenen Epitope – die maßgeschneiderten Therapieallergene unerwünschte Reaktionen verursachen. Es empfiehlt sich also, die Dosierung mehr oder weniger langsam zu steigern. Jede Hyposensibilisierungstherapie hat also eine „Steigerungsphase“ und eine „Plateauphase“. In der Plateauphase bleibt die Dosierung gleich. Für einen guten Therapieerfolg ist es notwendig, dass die Einzeldosis in der „Plateauphase“ hoch genug liegt. Falls man bei extrem empfindlichen Patienten jeweils nur sehr niedrige Einzeldosen verabreichen kann, wird die Wirkung nicht eintreten. Für einen guten Therapieerfolg ist aber auch die „kumulative Gesamtdosis“ wichtig! Dabei handelt es sich um die Summe aller Einzeldosen, die während der gesamten Behandlungsdauer verabreicht werden. Eine hohe kumulative Gesamtdosis erzielt man nur bei ausreichend langer Behandlung (drei Jahre!) und ausreichend häufigen Einzeldosen!

Spritzen oder Tropfen oder Tabletten?
Und wie bekommen wir die Allergene nun in den Körper? „Essen“ (also Tablettenschlucken) ist keine gute Idee. Allergene sind Eiweiße. Und Eiweiße verdaut unser Verdauungssystem hervorragend und ohne Probleme: Darauf ist es schließlich trainiert. In normale Tabletten eingepackte Therapieallergene, die man „einfach so“ schluckt, sind „verfrühstückt“, bevor sie wirken können.

Es gibt aber bessere Möglichkeiten, Therapeutika unter Umgehung des Verdauungssystems in den Körper zu bringen. Am einfachsten geht das mit Injektionen (bei Allergiebehandlungen immer unter die Haut – „subcutan“). Auch, wenn die „Spritzen“ nicht beliebt sind: Wirksam sind sie allemal.

Seit einigen Jahren gibt es aber tatsächlich eine Möglichkeit, die Allergene ohne Spritzen in den Körper zu bringen und dennoch den Verdauungstrakt zu umgehen. Die Mundschleimhaut ist auf die Aufnahme von Allergenen spezialisiert! Die Mundschleimhaut – besonders unter der Zunge – ist die Schleimhautregion, die am nächsten an der Außenwelt ist. In der Darmschleimhaut kommen kaum noch Allergene an. Aber an der Mundschleimhaut müssen alle Allergene vorbei. Und dort findet dann auch der erforderliche „Immunkontakt“ statt, der die Therapieallergene in den Körper bringt. In der Mundschleimhaut gibt es spezielle Zellen: „Allergen-präsentierende Zellen“. Sie binden die Allergene an sich und „präsentieren“ sie den T-Zellen (wie Polizisten: diese fangen den Einbrecher und stellen ihn dem Richter vor…).

Was ist nun besser: Spritzen unter die Haut („Subcutane Immuntherapie“, „SCIT“) oder der Weg über die Mundschleimhaut (Tropfen oder Tabletten unter der Zunge – „Sublinguale Immuntherapie“, „SLIT“)? Früher konnte man die Frage eindeutig beantworten: Lange Zeit war die SCIT die absolut beste Therapiemethode. Inzwischen hat die SLIT deutlich aufgeholt: Man kann nicht mehr genau sagen, was besser ist. Beide Methoden führen zum Erfolg und beide Methoden haben ihre Berechtigung.

Es gibt verschiedene Hersteller von Therapieallergenen. Die „Feinauswahl“ des für Sie am besten geeigneten Medikamentes entscheiden wir gemeinsam in einem individuellen Therapiegespräch.

Mehrfachallergien
Es gibt noch andere wichtige Gesichtspunkte (es hat uns niemand versprochen, dass das Leben einfach ist…): Sehr oft nämlich liegen Allergien gegen mehrere Allergene vor. Wie gehen wir damit um?

Die simple Lösung: „Wir packen alle positiv getesteten und durch die Anamnese bestätigten Allergene in die Therapielösung“, ist keine gute Idee. Je mehr Allergene wir „vermischen“, desto geringer wird der Anteil eines einzelnen Allergens an der Lösung. Wenn jemand 100 positive Reaktionen hätte und wir würden alle 100 Allergene in eine Therapielösung packen, dann hätte jedes Allergen nur 1 % Anteil an der Lösung. Da könnte man gleich destilliertes Wasser spritzen…

Kreuzreaktionen, Kreuzallergien
Die bessere Lösung ist: Wir beschränken uns auf die wichtigsten Allergene. Dabei kommt uns zu Hilfe, dass Pflanzen, die untereinander verwandt sind, meistens auch die gleichen Allergene produzieren. Und aus diesem glücklichen Umstand entstehen die „Kreuz-Allergien“, die wir bei der Therapie ausnutzen können! Alle Gräser – und Getreide sind biologisch auch Gräser! – haben ein Hauptallergen („Major-Allergen“) mit dem schönen Namen „Phleum pratense 5“. (Sie müssen sich diese Namen nicht merken.) Phleum pratense 5 (Kurzform Phle p5) hat seine höchste Konzentration im Wiesenlieschgras.

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Roggen

Tatsache ist, dass man bei einer Allergie mit dem Allergen Phle p5 nicht nur eine Allergie gegen Wiesenlieschgras behandeln kann, sondern auch gegen alle andern Gräser und gegen die Getreide wie z. B. Roggen als den wichtigsten Getreidevertreter (nicht wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung in der Landwirtschaft, sondern wegen seine aggressiven Pollen!).

Ähnlich geht man bei den Frühblüher-Allergien vor. Das Birkenallergen Bet v1 kommt auch in den Erlenpollen und in den Haselnusspollen vor. Und die Allergene d1 und d2 kommen in den Hausstaubmilben vor.

Mit diesem „Entgegenkommen der Natur“ können wir die meisten Allergien in wenige wichtige Gruppen zusammenfassen. Diese Zusammenfassung fängt bereits bei der Testung an (wir testen nicht gegen Myriaden von Allergien) und zieht sich bis zur Therapie hin.

Die wichtigsten Allergen-Gruppen sind die

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Spitzwegerich

 

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Birkenblüte

Frühblüher (Birke, Erle, Hasel),
Gräser und Getreide,
Kräuter (Beifuß, Spitzwegerich),
Schimmelpilze (ganzjährig: Aspergillus fumigatus, Penicillium notatum oder saisonal: Alternaria alternata und Cladosporium),
Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus und Dermatophagoides farinae) und
Tierallergene (Katzenhaare, Hundehaare, Pferdehaare, Vogelfedern).

Allergene aus diesen Gruppen sind bei uns in Deutschland für etwa 95 % der Allergien verantwortlich!

Eine große Bedeutung haben auch die Allergien gegen Insektengifte. Diese Allergien werden aber häufig in den Kliniken behandelt.

Von geringerer, aber doch zunehmender Bedeutung sind noch weitere Milbenarten („Vorrats-Milben“).

Ambrosia

Ambrosia

Auch das Traubenkraut („Ambrosia“, engl. „Ragweed“) gewinnt in Deutschland an Bedeutung – vor einigen Jahren gab es in Deutschland kein Traubenkraut, inzwischen verbreitet es sich langsam, aber unaufhaltsam. Die Allergene des Traubenkrautes gehören zu den aggressivsten Allergenen überhaupt. Man vermutet, dass jeder, der mit Ambrosia in Berührung kommt, eine Allergie gegen die Pflanze entwickelt!

In anderen Ländern sind natürlich andere Allergien von Bedeutung. In den südeuropäischen Ländern sind Allergien gegen die Olivenbäume sehr häufig – in Deutschland spielen sie praktisch keine Rolle.

Oftmals sind Pollenallergien auch mit Nahrungsmittelallergien kombiniert. Frühblüher-Allergiker haben oftmals auch Probleme, wenn sie Kernobst oder Steinobst essen. Aber die Nahrungsmittelallergien (von großer Bedeutung ist die Erdnuss-Allergie, besonders in Amerika) haben keinen direkten Bezug zum Fachgebiet der HNO-Heilkunde. Sie seien deshalb hier nur am Rande erwähnt.

Folgekrankheiten bei Allergien
Warum ist es so wichtig, Allergien zu behandeln? Es handelt sich doch nur um „ein Schnüpfchen“. Völlig falsch gedacht! Eine Allergie ist eine Erkrankung eines gesamten Systems! Wenn eine Schleimhautallergie vorliegt, dann beschränkt sich die Allergie nicht immer „freiwillig“ nur auf die Nase! Eine Allergie in den Bronchien führt zum „allergischen Asthma bronchiale“ – und das kann lebensbedrohend sein! Ein Allergiker hat ein etwa 10 mal so hohes Risiko, Asthma zu bekommen, wie ein Nicht-Allergiker! Eine symptomatische Therapie mit Antihistaminika senkt dieses Asthmarisiko nicht, eine Hyposensibilisierungsbehandlung aber schon! Das ist auch der Grund dafür, dass die Hyposensibilisierungsbehandlungen von den Krankenkassen bezahlt werden, obwohl sie sehr teuer sind: Sie sind immer noch billiger für die Krankenkassen als eine lebenslängliche Asthma-Therapie! Wie schön, wenn die finanziellen Interessen der Krankenkassen sich mit den gesundheitlichen Interessen der Patienten decken!

Aber gerade, weil die Therapieallergene sehr teuer sind, appellieren wir an alle Patientinnen und Patienten, die Therapie nicht leichtfertig abzubrechen und die Medikamente „verfallen“ zu lassen. Eine gewisse Ausdauer bei der Therapie ist erforderlich. Man bekommt ja schließlich auch einen Gegenwert! Und drei Jahre sind nicht so lange, wie man glauben könnte, zumal sich die Belastung durch die Therapie in Grenzen hält.

Können sich Allergien auch ohne Therapie bessern?
Ja, das ist möglich. Eine Besserung kommt aber nur in etwa 10 % der Fälle vor (von einem Jahr zum nächsten Jahr).

In 30 % der Fälle verschlechtert sich eine Allergie von einem Jahr zum nächsten Jahr. Verschlechterungen gibt es in dreierlei Hinsicht: 1. Die Reaktionen können heftiger werden (im ersten Jahr 5 mal niesen pro Anfall, im zweiten Jahr 30 mal niesen pro Anfall), 2. Das Allergenspektrum kann sich ausdehnen (im ersten Jahr Allergie gegen die Frühblüher, im zweiten Jahr auch gegen die Gräser) und 3. Das Organsystem kann sich ausweiten (im ersten Jahr nur allergischer Schnupfen, im zweiten Jahr auch allergisches Asthma bronchiale).

In den übrigen 60 % der Fälle passiert von einem Jahr zum nächsten Jahr gar nichts und alles bleibt wie es war.

Kontraindikationen
Kann man eine Hyposensibilisierungstherapie uneingeschränkt bei allen Menschen durchführen?

Nein – es gibt Einschränkungen. Dabei sind die Einschränkungen nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar auf die Hyposensibilisierung zurückzuführen. Es gibt nämlich ein kleines „Restrisiko“: Nach einer Injektion kann ein allergischer Schock auftreten. Allergische Schocks treten sehr, sehr selten auf. Aber wenn sie auftreten, dann liegt ein absoluter Notfall vor, der auch notärztliche behandelt werden muss! Dieses kleine „Restrisiko“ ist auch der Grund dafür, dass man nach jeder Spritze noch 30 Minuten unter der Obhut des Arztes verbringen muss. In der Praxis sind alle Notfallmedikamente vorhanden. Draußen nicht!

Auch wenn das Risiko eines allergischen Schocks klein ist: Wegen dieser – geringen – Schockgefahr ist eine Fortsetzung der Hyposensibilisierung während der Schwangerschaft nicht erlaubt. Nicht, dass eine einzelne Spritze dem Embryo schaden würde. Aber ein Schock der Mutter wäre ganz schlecht für den Embryo!

Und die Schockgefahr – sei sie auch noch so klein – ist der Grund dafür, dass man Patienten, die Betablocker bekommen, ebenfalls nicht behandelt. Bei einem Schock fällt der Blutdruck bedrohlich ab und man muss wirksame Medikamente verabreichen, die den Blutdruck wieder ansteigen lassen. Und genau diese Medikamente werden durch die Betablocker „geblockt“, sodass sie unwirksam bleiben und die Blutdruckwerte bedrohlich niedrig.

Im Übrigen ist die Therapie sehr problemarm und mit einer hohen Erfolgsquote „gesegnet“. Hohe Erfolgsquote heißt: Die Erfolgsquote ist hoch, aber nicht hundertprozentig. Es gibt keine 100,00prozentige Garantie und es gibt kein 0,00prozentiges Risiko!

Wenn man das akzeptiert, dann sind die Hyposensibilisierungen ein Segen für viele Patientinnen und Patienten!